Neue Nazigruppen – Hinweis von Reinhard Neudorfer

10. September 2014  Allgemein

Eine neue Nazigruppe – Die Identitären

Rechtsextreme ebenso wie direkt neofaschistische Strategen sind beständig auf der Suche nach neuen Verpackungen für die im Wesentlichen gleichbleibende Hetze, die sie verbreiten.

Dabei gibt es überraschende Erscheinungen: Öko-Nazis kaufen Bauernhöfe, bauen Bio an und kämpfen gegen Massentierhaltung; darüber berichtet das alternative Magazin „Schrot und Korn“  10/2013. Die landesweite Initiative gegen Gen-Technik in Brandenburg wurde von der NPD geführt; es dauerte, bis andere Mitglieder der Initiative das merkten. Einige Zeit waren in den S-Bahnhöfen in Stuttgart auf kommerziellen Werbetafeln Anzeigen der “Neuen Akropolis“ zu sehen, nach Selbstbeschreibung ein philosophisches Zentrum, nach früheren Feststellungen des Verfassungsschutzes aber eine ganz rechte Gruppierung. Das geht hinein in die nicht immer so harmlose Esoterik-Szene bis zu Ufologen (Stichwort „Aldebaran“). Beim Surfen im Internet stößt man zwischen  Ernährungstipps und Vorschlägen für Alternativ-Medizin auf Herrn Hamer  in Tübingen (Approbation wurde ihm entzogen) und seiner „Germanischen Neuen Medizin“ und das ist härtester Antisemitismus. Schon früher gab es Unterwanderungsversuche von rechts in der Bewegung gegen Hartz IV und in der Friedensbewegung („kein deutsches Blut für Öl“). Selbst in einer Attac-Gruppe, die sich ja nun  nicht rechts-konservativ versteht, wurde ein (irrtümlich vorher als kritisch eingeschätzter) Film über die Entwicklung des Kapitalismus gezeigt = „Fabian der Goldschmied“, erst danach wurde allen klar, dass hier  versteckt Antisemitismus reingeschmuggelt wird. 

Der einfache Grund für diese neuen äußerlichen Formen ist, dass ein Auftreten in der Art von  „Heil Hitler“ wenig Anklang bei den allermeisten Menschen findet. Also ist Tarnung nötig, neue Themen, neue Kommunikationsmethoden, unverfängliche Sprache. Und daher müssen wir uns mit diesen weniger auffallenden Erscheinungsformen von Rechtsextremismus auseinandersetzen.

So eine neue Gruppe sind die Identitären, die seit einiger Zeit im Internet für Furore sorgen.  Wenn die identitäre Bewegung von sich behauptet, sie sei „0 % rassistisch, 100% identitär“, meint dies nichts Anderes als „Ausländer raus“, nur weniger angreifbar formuliert.  Solche Formelsprache müssen wir in der Lage sein zu decodieren.

Gemeinsames Zeichen (in Schwarz-Gelb) der Gruppen ist der Buchstabe Lambda aus dem griechischen  Alphabet.  Durch diesen Buchstaben benutzen die identitären Gruppen ein Symbol aus der Hollywood-Verfilmung eines Comics über den Kampf von 300 spartanischen Kriegern gegen die  übermächtige  Streitmacht aus Persien  – 480 vor Christus an den Thermopylen. Diese 300 hätten einst die Eroberung Europas verhindert, so wie es heute die selbstauferlegte Aufgabe der Identitären sei. Der Groß-Buchstabe entspricht dem Zeichen auf den Schildern der spartanischen Kämpfer, es ist nicht, wie gelegentlich zu lesen, irgendein „Keil“. Dass es der Buchstabe L ist, kommt daher, dass die Bewohner der Gegend  Spartas Lakedaimonier heißen. Dieser Film mit dem Titel „300“ ist nicht zufällig zu einem der Kultfilme der Neo-Nazis geworden. Der andere Kultfilm ist  „Braveheart“, über den Unabhängigkeitskampf Schottlands unter W. Wallace um 1300.

Auffallend ist bei den Identitären ein –  wenn auch bescheidener –  intellektueller Anstrich und die (krampfhaften) Versuche, historische Bezüge herzustellen.

Wenn man auf die Anfänge der Identitären schaut, kommt man auf Frankreich. Am 20. Oktober 2012 besetzten  Mitglieder des Jugendverbands  der Génération Identitaire   das Dach einer Moschee  in der französischen Stadt Poitiers: kein Zufall –   gemeint ist,  die Zugewanderten und Flüchtlinge (vor allem islamische, aber nicht nur) zerstören die französische Identität. Und in der Schlacht bei Poitiers wurde im Oktober 732 der Vormarsch der Araber gestoppt. Im Verständnis der Identitären Bewegung gilt es jetzt, an  diese Schlachten von 480 und 732 anzuknüpfen.

Allerdings gibt es in Frankreich schon Vorläufer der Identitären seit 2003. Zu erwähnen ist ein gewisser Alain de Benoist und eine Organisation GRECE, was bedeutet Groupement de Recherches et  d` études pour la Civilisation Europeenne. Gleichzeitig heißt Griechenland auf französisch  Grece, kein zufälliges Wortspiel,  Griechenland als Wiege der europäischen Kultur. Ein Anklang an altgriechische Mythen ist auch der Name des wesentlichen deutschsprachigen Verlags der Identitären, nämlich Antaios, einem (wie sich zeigte fast) unbesiegbaren sagenhaften Riesen, seine Mutter=die Erde (griechisch Gaia) verlieh ihm stets Kraft durch den Kontakt mit ihr. Die Nähe zur Naziformel vom Blut und Boden drängt sich da auf.

Ein nicht zu unterschätzender Punkt sind die europäischen Kontakte der Identitären Bewegung. Es gibt – in unterschiedlichen Formen, Taktiken, Stärken – diese in          Österreich (überdurchschnittlich offenbar), Schweiz, Großbritannien, Schweden, Norwegen, Dänemark (eher unterdurchschnittlich stark), Spanien (rel. eigenständige Orientierung), Portugal und Italien. Für Griechenland ist nichts Vergleichbares bekannt, aber da ist ja bereits in extremster Weise die  Chrysi  Avgi = goldene Morgenröte aktiv, die wiederum schon Kontakte nach Italien (CPI !) und zur NPD aufgenommen hat (ein Treffen in Nürnberg schon erfolgt).

Zu Italien: hier ist eine Art Sonderfall, nämlich die sog- Casa Pound, abgekürzt CPI=Italia.
Einige Autoren  vertreten die Auffassung, hier sei eine wesentliche Quelle und ein Ursprung der Identitären Bewegung. Benannt nach dem US-Schriftsteller Ezra Pound, einem Mussolini-Fan noch nach 1945, gegründet 2003 in Rom, dort weiterhin das Zentrum ( in der Via Napoleone), aber nicht mehr nur – hat inzwischen 50 Standorte in 13 Provinzen. Ausgangspunkt war  eine Hausbesetzung als Gegenwehr zur herrschenden Wohnungsnot, daher auch das Symbol, nämlich die Schildkröte (sie trägt ihr Haus immer mit sich), also nicht das uns bekannte Schild/Lambda. CPI hat ca. 4000 Mitglieder, nennt sich selber die Faschisten des 3. Jahrtausends. Auffallend ist eine starke soziale Orientierung, aber immer nur für ItalienerInnen und  extrem gegen MigrantInnen. Oft  eine antikapitalistische Rhetorik, die aber oberflächlich bleibt. Viele (sub)kulturelle Aktivitäten: Rockmusikgruppen, Radiosender, Theatergruppe „non conforme“,  Buchladen, Modegeschäft, Restaurant,  für die Jugend anziehend durch Sportgruppen Rugby/Tauchen/Eishockey , eigene Studentenorg., Kontakte zur Fußballszene und eine Zivilschutzorg. namens La Salamandra für Erdbeben- und Flutopfer unter Ausnutzung der Unfähigkeit des italienischen Staates   — sowas hat auch die NPD/JN schon mal versucht  im Osten bei der Flutkatastrophe!! ;  die CPI hat Vorbildcharakter für deutsche Nazis errungen, ob nun die Identitären oder andere Spektren. Zahlreiche Reisen von hier nach Rom sind bekannt und dann sehr positive Berichte in den eigenen Medien über die Erfolge der CPI. Sie hat (sich) sozusagen die Identität  geschaffen, die die deutsche Bewegung auch gerne hätte. CPI hat auch taktische (nicht inhaltliche) Bestandteile von Gramsci übernommen, den Begriff und den Kampf um die sog. Hegemonie.

Daneben gibt’s aber sogar noch eine eigene Gruppierung Generazione identitaria, die eng mit CPI zusammenarbeitet, betreiben die Internetseite zentropa.info.   K

Kleine Ergänzung

Die neu-rechte Wochenzeitung Junge Freiheit hat einen „Jungautorenwettbewerb“ mit ausdrücklichem Bezug zu der Identitären Bewegung ausgelobt: „Nicht erst seit dem Auftreten einer „Identitären Bewegung“ in mehreren Ländern Europas steht das Thema „Identität“ wieder auf der Agenda. Doch von welcher Identität sprechen wir eigentlich? Von einer regionalen, einer nationalen oder gar einer christlich-abendländischen, die ganz Europa einschließt?“ Die Zeitung fordert Autoren, die bis zu 30 Jahren alt sind auf, sich an der Ausschreibung zu beteiligen.

Ein weiterer Ansatz unauffällig auf unpolitischem Terrain vorzurücken, zeigt sich bei der Sportvereinigung „Sektion Jahn“, die im Internet mit den Identitären verlinkt ist.

Bei dieser „Sektion“ sollen durch Sport- und Ernährungstipps Freizeitsportler angesprochen werden. Im Untertitel wird das Ziel deutlich: „Zur Förderung und Erhaltung unserer traditionellen Sport- und Kulturgemeinschaften“

Es ist im Moment   noch nicht genau auszumachen, wie sich die Bewegung weiterentwickelt. Jedenfalls habe ich an  der Uni Stuttgart  reichlich ihre Aufkleber mit dem Lambda-Zeichen in Schwarz-Gelb bereits entdeckt. Auch der Professor für Zeitgeschichte, den ich darauf hinwies, konnte das Zeichen nicht richtig einordnen. Und Ende Mai begegnete mir am Hauptbahnhof Stgt eine ca. 20jährige(!) Frau(!)  mit dem T-Shirt vornedrauf  Ehre/Freiheit/Tradition und hinten dann Identitäre Bewegung ELLWANGEN……………

Für weitere Info empfehle ich  „Die Identitären“   Handbuch zur Jugendbewegung der neuen Rechten in Europa  von Bruns/Glösel/Strobl  im Unrast-Verlag 2014 ,       3 Wiener AutorInnen

Heiko Koch  Casa Pound Italia  Mussolinis Erben    Münster  2013