1. Mai-Demo: “Auch Arbeit braucht ihre Grenzen”

02. Mai 2017  Allgemein

“Wir sind viele. Wir sind eins” – das Motto der diesjährigen 1. Mai-Demo in Sindelfingen. Der Demonstrationszug führte diesmal auch erstmals durch die Altstadt

Es strömte der Regen – und doch strömten auch die, die dem Nass von oben trotzten: Rund 1000 Menschen haben am gestrigen Tag der Arbeit an der traditionellen 1. Mai-Demo der Gewerkschaften teilgenommen. Hauptredner Ergun Lümali geißelte Lohndumping und Profitgier.

Artikel vom 01. Mai 2017 – 18:12

Von Siegfried Dannecker Ein Bericht der Kreiszeitung mit Fotos der Linken

SINDELFINGEN. 10.58 am Busbahnhof. Pünktlich wie die Maurer nimmt er Aufstellung, der bunte Lindwurm, um Punkt 11 loszumarschieren. Diesmal freilich erstmals mit einer geänderten Route. Statt die Hanns-Martin-Schleyer-Straße hinauf zum Calwer Bogen und zurück in die Stadt, geht es diesmal durch die Gartenstraße am Stern-Center vorbei und die Wettbachstraße hinunter durch die Altstadt zum Marktplatz.

Sicherheitsgründe hatte die Polizei zuvor ins Feld geführt und war damit bei den Gewerkschaften sofort auf offene Ohren gestoßen. Auch am Marktplatz hatten die Veranstalter vorgesorgt. Links vom Bühnen-Lkw wachte ein gelber, 25 Jahre alter Streuwagen, der älteste im Bestand. Er hätte im Falle eines Lkw-Anschlags als Bollwerk bereitgestanden.

Hauptredner vor geschätzt rund 1000 Menschen in Sindelfingens Mitte war Ergun Lümali, der Betriebsratsvorsitzende beim Daimler. “Einzeln seid Ihr nichts, vereinigt seid ihr alles”, erinnerte der IG Metaller an den alten Gewerkschaftsslogan, der damals wie heute Sinn mache. Heute vielleicht sogar wieder mehr als noch vor Jahren.

Der 54-Jährige, ein in zahlreichen Tarifauseinandersetzungen und Streiksituationen gestählter Mann, geißelte zuerst einmal die derzeitige Rentenpolitik, die man mit viel politischem Druck zu einem zentralen Thema im Bundestag gemacht habe. “Jedem Zweiten droht Altersarmut”, schimpfte Lümali unter Beifall des Publikums, weshalb die gesetzliche Rente gestärkt werden müsse. Dass Ärzte, Anwälte, Notare, Beamte und Parlamentarier ihre eigene Altersversorgung betrieben, das gehe so nicht: “In die Rente müssen alle Bürger einbezahlen.” Betriebsrenten müssten die gesetzliche Rente ergänzen, verlangte Lümali ein Niveau, von dem man nach einem harten Arbeitsleben auch menschenwürdig leben könne.

Nur noch ein Drittel der Beschäftigten erwarte, dass sie ihren Job bis zum regulären Rentenalter überhaupt ausüben könnten, erwähnte Lümali steigende Leistungsverdichtung bei wachsenden Profiten. Es brauche deshalb flexible Übergänge in den Ruhestand. Besonders langjährige Versicherte müssten ohne Abschläge gehen können – so, wie man beim Daimler degressive Modelle vereinbart habe. So sei Arbeitszeit stufenweise zu reduzieren.

Das Arbeiten in “Schwarmorganisationen” stelle Betriebsräte vor riesige Herausforderungen. Doch die Umbrüche böten auch Chancen und Spielräume. Flexibilität dürfe freilich nicht einfach auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden, verlangte der Gewerkschafter ein Recht auf Unerreichbarkeit und ein Recht auf Feierabend: “Arbeit braucht auch Grenzen, Erholung, Gesundheit”, so Lümali unter Applaus. Der heutige Arbeitszeitgesetz-Rahmen sei flexibel genug. Den dürfe man nicht weiter aufweichen, zitierte der 54-Jährige Burn-outs und psychische Belastungen in der modernen Arbeitswelt.

Leiharbeiter müssten spätestens nach neun Monaten wie Stammbeschäftigte tariflich bezahlt werden. Lohndrückerei müsse ihr Ende haben, dem Missbrauch von Werkverträgen und Minijobs ein Riegel vorgeschoben werden. Dafür gab’s auch Beifall von Lümalis Vorgänger Erich Klemm, der ebenso Stammgast des 1. Mai ist, wie dieser Tag auch andere verpflichtend auf die Straße treibt. Den Betriebsseelsorger Andreas Hiller etwa und seinen katholischen Kollegen Walter Wedl. “Ich hab seit 2002 keinen 1. Mai ausgelassen”, schmunzelte der Industriepfarrer. Auch im Publikum: der ehemalige Sozialdezernent des Landkreises, Horst Hörz, samt Ehefrau Gerlinde. Oder Böblingens AWO-Urgestein Brigitte Richter. Die sorgt die zunehmende Entsolidarisierung der Gesellschaft – und doch will sie mit ehrenamtlicher Arbeit dagegenhalten, weil die Seniorin sich dem Zug der Zeit nicht tatenlos beugen will. Überzeugungstäterin.

Überzeugt, sich wehren zu müssen, ist auch Verdi-Gewerkschafterin Carola Grodszinski. In Szenen spielten Pflegekräfte nach, wie der Krankenhausalltag heute aussehe. In der Tagschicht sei eine Pflegekraft durchschnittlich für 14 Patienten zuständig und Deutschland im europäischen Vergleich Schlusslicht. Noch schlimmer sei der Nachtdienst, wo von 21 Uhr abends bis 6.30 Uhr am nächsten Morgen eine Pflegekraft für 27 Patienten verantwortlich sei. Drei Pflegekräfte pro Schicht im Nachtdienst ist das, was Verdi fordert. Auch im Sinne der Patienten: “Da geht es nämlich nicht nur um fehlende Zuwendung, sondern um handfeste Risiken, die durch zu wenig Personal auftreten.” Die Be- und Überlastungssituationen fürs Personal seien so gravierend, dass es den Leuten selber an die Gesundheit gehe – und das ausgerechnet im Krankenhaus.