{"id":1299,"date":"2020-06-19T19:46:58","date_gmt":"2020-06-19T17:46:58","guid":{"rendered":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/?p=1299"},"modified":"2020-06-19T19:46:58","modified_gmt":"2020-06-19T17:46:58","slug":"nach-corona-ist-vor-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/2020\/06\/19\/nach-corona-ist-vor-corona\/","title":{"rendered":"Nach Corona ist vor Corona?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; NACH CORONA\nIST VOR CORONA? (1)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Innerhalb\nder demokratischen Linken stellt sich die Frage, ob der alte Spruch von Sepp\nHerberger \u201eNach dem Spiel ist vor dem Spiel\u201c auch in abgewandelter Form auf die\nZeit der Corona-Krise \u00fcbertragbar ist? Die Corona-Pandemie als Krisenfaktor\nwird ganz unterschiedlich eingeordnet. Einerseits wird davon ausgegangen, dass\nnur durch einen exogenen Schock, wie zum Beispiel die Corona-Krise in Verbindung\nmit einer glaubw\u00fcrdigen Alternative, der Kapitalismus zusammenbrechen wird.\nAndererseits steht dem eine endogene Krisenerkl\u00e4rung gegen\u00fcber, die sich auf\ndie Marxsche Kritik der politischen \u00d6konomie beruft. Diese Position geht davon\naus, dass im Kapitalismus grundlegende \u00f6konomische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten am Werk\nsind, auf deren Basis aktuelle Lebensweisen erkl\u00e4rbar sind. Diese Lebensweisen\nentfalten erhebliche R\u00fcckwirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Es besteht\neine Wirkungskette von \u201e Waldrodung und Landverbrauch durch Urbanisierung,\nAgrarwirtschaft und industrieller Massentierhaltung, aus der daraus\nresultierenden Reduktion der Artenvielfalt und der Vermehrung von vielfach\nmedikamentenresistenten, aber auch g\u00e4nzlich neuen Viren und Bakterien auf Lebendtierm\u00e4rkten\u2026\u201c(2)\nDie Zirkulation von Waren und Arbeitskr\u00e4ften auf globalen M\u00e4rkten kann dann\nentsprechende Krankheiten rasant pandemisch verbreiten. Der Unterschied zu\nvorb\u00fcrgerlichen Gesellschaften besteht allerdings darin, dass es heute kein\nlang anhaltendes gesellschaftliches Gleichgewicht gibt, sondern durch die\npermanente Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte ein permanenter Raubbau an Mensch\nund Natur stattfindet. Parlamentarische Versuche der Eind\u00e4mmung des Raubbaus\nwerden h\u00e4ufig verschoben, worin sich die Schw\u00e4che der sozial-\u00f6kologischen Opposition\nzeigt. Das gilt sowohl f\u00fcr die gewerkschaftliche und sozialistisch-\u00f6kologische\nSeite. Ferner trifft die aktuelle Corona-Pandemie auf eine weltpolitische\nKonstellation, \u201ein der der Platz eines Weltmarkthegemons mit zivilisatorischem\nAnspruch\u2026vakant ist.\u201c(3) Das hei\u00dft, es fehlt eine politische Kraft, die\nweltweit die Krisenbek\u00e4mpfung koordiniert und \u00f6ffentliche G\u00fcter bereitstellt.\nSowohl die US-Regierung als auch die VR China behindern sich gegenseitig aus\nunterschiedlichen Motiven und damit auch die Arbeit der WHO bei der\nUntersuchung und Bek\u00e4mpfung der Pandemie.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist\nfestzuhalten, dass die Corona-Krise keineswegs unvorhergesehen die Welt\nersch\u00fctterte. Dazu schon fr\u00fchzeitig der b\u00fcrgerliche Historiker Walter Scheidel:\n\u201eDie Gefahr, die von potenziell katastrophalen neuartigen Epidemien ausgeht,\n(ist) keineswegs zu untersch\u00e4tzen.\u201c (4) Im Unterschied zur Weltwirtschaftskrise\n1929-32 und der Finanzmarktkrise 2008\/09 brach die Corona-Krise in Bereichen\naus, die oberhalb der \u00f6konomischen Struktur des Kapitalismus anzusiedeln sind.\nDas hei\u00dft, wenn sie erfolgreich bek\u00e4mpft werden soll, muss die Grundstruktur\nder Wirtschaftsordnung mit der Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion,\nErn\u00e4hrungs- und pharmazeutischen Industrie verkn\u00fcpft werden. Dieser\nZusammenhang geht beispielsweise bei Robert Habeck von den Gr\u00fcnen ganz\nverloren, wenn er von einem \u201eanthropologischen Schock\u201c spricht. Es ist zu\nbef\u00fcrchten, dass wenn von \u201eneuer Normalit\u00e4t\u201c nach der Corona-Krise gesprochen\nwird, eine R\u00fcckkehr zu neoliberaler Politik gemeint ist. Das sieht auch\nWolfgang Streeck, der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts f\u00fcr\nGesellschaftsforschung, ebenso. \u201eEs wird oft behauptet, nach der Corona-Krise\nwerde nichts mehr sein wie zuvor. Ich sehe eher die Kontinuit\u00e4t, etwa bei der\nVerschuldung, dem Wachstum der Geldmenge im Verh\u00e4ltnis zur Wirtschaftsleistung,\nder steigenden Bedeutung der Zentralbanken als \u00dcberregierungen und die\nzunehmende soziale Ungleichheit.\u201c (5)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist\nalso wiederum zu diskutieren, ob ein R\u00fcckfall in die alte Normalit\u00e4t oder\nansatzweise Schritte in Richtung einer sozial-\u00f6kologischen Transformation\nerfolgen werden? Zur Beantwortung der Frage ist eine R\u00fcckschau auf die\nJahrzehnte vor der Corona-Krise hilfreich.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bis zu\nBeginn der 80er Jahre herrschten \u00fcberwiegend \u201eNormalarbeitsverh\u00e4ltnisse\u201c, die\ndie Erfahrung und das Bewusstsein einer eher reibungslosen Kontinuit\u00e4t\nhervorriefen. Mit dem folgenden Neoliberalismus erfuhren die Besch\u00e4ftigten\neinen Kontrollverlust \u00fcber ihre Arbeitsbedingungen, eine Entwertung beruflichen\nErfahrungswissens und die Zerst\u00f6rung von Zeitstrukturen im Arbeitsleben. Es\nentstand ein Bewusstsein gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit, das allerdings\nnicht zur Infragestellung des Verh\u00e4ltnisses von Lohnarbeit und Kapital f\u00fchrte,\nsondern zu einem B\u00fcndel von Ressentiments, die rechtspopulistisch aufgeladen\nsind. Auf diese Mentalit\u00e4ten traf der seuchenbedingte Lockdown. F\u00fcr einen\nAugenblick schien neoliberales Gedankengut zugunsten emanzipativer\nVorstellungen in verschiedenen Bereichen zu weichen. F\u00fcr eine R\u00fcckkehr zur\nalten Normalit\u00e4t spricht allerdings die Tatsache, dass f\u00fcr eine Mehrheit der\nGesellschaftsmitglieder die Grundstruktur ihres Alltagsbewusstseins ma\u00dfgebend\nbleibt. Dieses allt\u00e4gliche Bewusstsein ist widerspr\u00fcchlich. Einerseits wird die\nVorstellung von Freiheit, Gleichheit und Leistung (Jeder ist seines Gl\u00fcckes\nSchmied) weitergetragen, andererseits aber werden das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis\nin der gesellschaftlichen Produktion und die weit auseinanderklaffenden\nEinkommens- und Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse offenbar. Diese Situation h\u00e4tte gerade\nvon Gewerkschaftsseite dazu genutzt werden k\u00f6nnen, gemeinverst\u00e4ndlich und ohne\naufgesetzte antikapitalistische Attit\u00fcde, das Lohneinkommen als das sichtbar zu\nmachen, was es in Wirklichkeit ist, n\u00e4mlich als Gegenwert f\u00fcr den Verkauf der\nArbeitskraft. \u201e Es h\u00e4tte f\u00fcr kurze Zeit skandalisiert werden k\u00f6nnen, dass in\nden zur\u00fcckliegenden neoliberalen Jahrzehnten die eigentlichen Produzenten\u2026immer\nweniger an der j\u00e4hrlichen Neuwertsch\u00f6pfung partizipierten- und das bei\ngleichzeitig \u00fcber 6,5 Billionen privat aufgeschatztem Geldverm\u00f6gen in\nDeutschland.\u201c(6) Wenn das Wirtschaftsleben wieder in Gang kommt, verwandelt\nsich auch das Lohneinkommen f\u00fcr das Unternehmerlager wieder verst\u00e4rkt in einen\nKostenfaktor, den es zu senken gilt, ebenso wie die sogenannten\n\u201eLohnnebenkosten.\u201c <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schon vor\nder Corona-Krise war der Kapitalismus in eine Legitimationskrise geraten, da\nder angebliche Zusammenhang von Arbeit-Leistung-Einkommen und Eigentum immer\nfragw\u00fcrdiger und die bestehende Eigentumsordnung immer weniger akzeptiert\nwurde. Es ist allerdings damit zu rechnen, dass auch die Sozialdemokratie in\nihrer Mehrheit nur zu einem neuen Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine soziale Marktwirtschaft\nkommen wird und nicht zu einer grundlegenden Kritik des Kapitalismus.\nEmanzipatorische Kr\u00e4fte werden nur dann die \u00d6ffnung des fortschrittlichen\nZeitfensters nutzen k\u00f6nnen, \u201ewenn sie gleich zu Beginn eine neue politische\nMobilisierungssprache etablieren und darauf ihre weiteren politischen Deutungen\nund strategischen Interventionen aufbauen\u2026\u201c (7) Wenn auch gesagt wird, dass\nnach der Corona-Krise alles anders werde, so hat jedoch die j\u00fcngere\nKapitalismusgeschichte gezeigt, dass es nach Krisen und Kriegen nicht zu\nqualitativen sozial\u00f6konomischen Ver\u00e4nderungen kam. Qualitative\nAlltagsver\u00e4nderungen gab es dagegen in den Zeiten der Prosperit\u00e4t, \u201ein denen\nWertewandel, neue soziale Verhaltens- und Sprechweisen, Mode und\nGeschlechterbeziehungen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum ausprobiert, inkorporiert\nund verallgemeinert werden konnten.\u201c(8) Dazu braucht es eines \u00f6ffentlichen\nRaums, in dem oppositionellen Verhalten sich gegenseitig st\u00e4rken kann. In einer\nZeit der sozialen Distanz ist das aber nur schwer m\u00f6glich. Trotzdem werden in\nZukunft Gewerkschaften ihr politisches Mandat zusammen mit der politischen\nLinken st\u00e4rken m\u00fcssen. Insoweit kann man nur hoffen, dass sich nach der Corona-Krise\nauf Dauer Schritt f\u00fcr Schritt eine \u201eneue Normalit\u00e4t\u201c entwickelt. Dazu bedarf es\nauch eines nachvollziehbaren Programms der demokratischen Linken, das\nglaubw\u00fcrdig vertreten wird und die politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(1)Siehe\nzu diesem Aufsatz: Christoph Lieber, Krise und Normalit\u00e4t, Sozialismus Heft\n6\/20 S.45-51<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(2)\na.a.O. S.45<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(3)\na.a.O. S.46<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(4)\na.a.O. S.47<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(5)\na.a.O. S.48<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(6)\na.a.O. S.50<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(7)\na.a.O. S.51<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(8)\na.a.O. S.51<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; NACH CORONA IST VOR CORONA? (1) Innerhalb der demokratischen Linken stellt sich die Frage, ob der alte Spruch von Sepp Herberger \u201eNach dem Spiel ist vor dem Spiel\u201c auch in abgewandelter Form auf die Zeit der Corona-Krise \u00fcbertragbar ist? Die Corona-Pandemie als Krisenfaktor wird ganz unterschiedlich eingeordnet. 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