{"id":1372,"date":"2021-06-05T19:10:08","date_gmt":"2021-06-05T17:10:08","guid":{"rendered":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/?p=1372"},"modified":"2021-06-05T19:10:08","modified_gmt":"2021-06-05T17:10:08","slug":"das-ende-des-kapitalismus-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/2021\/06\/05\/das-ende-des-kapitalismus-2\/","title":{"rendered":"Das Ende des Kapitalismus?"},"content":{"rendered":"<p>DR.PETER BEHNEN<br \/>\nDIE LINKE FREIBURG<\/p>\n<p>                                WIE ENDET DER KAPITALISMUS?<br \/>\nDer Film \u201eSystem-Error-Wie endet der Kapitalismus?\u201c von Florian Opitz von 2018, der 2020 in der ARD ausgestrahlt wurde, besch\u00e4ftigt sich mit den Folgen des Wirtschaftswachstums. Er will Einblicke in die Welt des Kapitalismus, vor allem des Finanzkapitalismus, geben. Es ist zu sehen, welche Thesen Opitz vertritt und vor allem welche gesellschaftliche Alternative er anbietet. Aus marxistischer Sicht muss insbesondere betrachtet werden, wie Opitz die Struktur des Kapitalismus samt seinen Widerspr\u00fcchen darstellt und ob er eine Alternative jenseits des Kapitalismus entwickeln kann.<br \/>\nFlorian Opitz steigt in das Thema ein, indem er sich die vor allem in den gesellschaftlichen Eliten verbreitete Ansicht vornimmt, das Wachstum der Wirtschaft kenne keine Grenzen. Er h\u00e4lt dem die Auffassung von Karl Marx entgegen, Wachstum im Kapitalismus habe ein Ende und zerst\u00f6re das System selbst. An dieser Stelle ist allerdings gegen\u00fcber Opitz anzumerken, dass Marx nicht vom Wachstum an sich sprach, sondern vom Grundprinzip des Kapitalismus, der Produktion des Mehrwertes, ausging. Das f\u00fchrt u.a. zum wichtigsten Gesetz dieser Produktionsweise, dem tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate. Da st\u00f6\u00dft nach Marx die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte (technische Entwicklung) an die Grenze des Systems mit der Aufhebung der Produktionsweise als Schluss.<br \/>\nFlorian Opitz folgt jedoch nicht der Marxschen Argumentation, obwohl er in h\u00e4ufiger zitiert, sondern der Position Tim Jacksons. Tim Jackson, seines Zeichens Professor f\u00fcr nachhaltige Entwicklung an der Universit\u00e4t Surrey in Gro\u00dfbritannien, gilt als reiner Wachstumskritiker, der einen Wohlstand ohne Wachstum propagiert und Mitglied des legend\u00e4ren Clubs of Rome ist. Opitz stellt seinen Thesen die Vorstellungen verschiedener Vertreter der Industrie und Politik gegen\u00fcber, die, wie k\u00f6nnte es anders sein, das Wachstumsstreben aus der Natur des Menschen herleiten. Opitz kritisiert richtigerweise dieses Bewusstsein und f\u00fchrt es auf die Prosperit\u00e4tsphase des Kapitalismus nach dem 2.Weltkrieg zur\u00fcck. Dem ist aus marxistischer Sicht zu entgegnen, dass hier tiefer in die Struktur des Kapitalismus eingestiegen werden muss. Dass die Produktion von Mehrwert als Triebfeder des Kapitalismus weder von Industrievertretern, Politikern aber auch vielen Lohnabg\u00e4ngigen nicht erkannt wird, ist nicht auf eine Phase des Kapitalismus beschr\u00e4nkt. An der Oberfl\u00e4che der Gesellschaft entsteht durch die Kategorie des Arbeitslohnes die Vorstellung, es werde die Arbeit entlohnt und nicht der Verkauf der Arbeitskraft. Die Gesellschaft stellt sich als Gesellschaft gleicher Warenbesitzer dar, die unter sich die Ergebnisse der Wertsch\u00f6pfung als Leistungseinkommen aufteilen. Die Ergebnisse der gesellschaftlichen Arbeit der Arbeitenden und auch das Wachstum k\u00f6nnen als naturgegeben angesehen werden und werden nicht mehr auf die Aneignung des Mehrwertes durch Kapitalisten zur\u00fcckgef\u00fchrt. Dieses Bewusstsein beherrscht viele Gesellschaftsmitglieder und kann immer dann aufgebrochen werden, wenn die Entwicklung der Wirtschaft nicht mehr reibungslos abl\u00e4uft.<br \/>\nFlorian Opitz sieht nun, dass das Wachstumsbewusstsein seit der Mitte der 70er Jahre ersch\u00fcttert wurde, weil viele Menschen erfuhren, dass der Kapitalismus nicht mehr prosperiert, sondern mit Arbeitslosigkeit und sozialen Unsicherheit verbunden ist. Opitz sieht nun im Sinne des Clubs of Rome das Ende der Wachstumsgesellschaft gekommen und stellt fest, dass Wirtschaft und Politik die Finanzm\u00e4rkte als Rettungsanker entdecken. Was Opitz nicht sieht ist, dass sich hier grundlegende Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Kapitalismus durchsetzen. Der tendenzielle Fall der durchschnittlichen Profitrate, der durch das relativ langsamere Wachstum der Arbeitskr\u00e4fte gegen\u00fcber den Produktionsmitteln entsteht, konnte solange \u00fcberspielt werden, solange das Gesamtkapital schneller wuchs als der Fall der Profitrate. Nur dann konnten die Kapitalisten auf erweiterter Basis produzieren lassen und konnten sowohl Arbeitskr\u00e4fte und Produktionsmitten gleichzeitig wachsen, wenn auch ungleichm\u00e4\u00dfig. Diese Phase des Kapitalismus endete mit der Mitte der 70er Jahre und f\u00fchrte zur Entwicklung des Finanzkapitalismus. Kapitalisten versuchten nun durch B\u00f6rsengesch\u00e4fte, Spekulation und Immobiliengesch\u00e4fte ihrem Untergang zu entgehen und zur gesteigerten Verwertung ihres Kapitals zur\u00fcckzukehren. Es geht also nicht um ein Ph\u00e4nomen einer Wachstumsgesellschaft, sondern um grundlegende Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Kapitalismus.                   Florian Opitz beschreibt nun richtig, mit welchem Bewusstsein die handelnden Personen auf den Finanzm\u00e4rkten agieren, zum Beispiel Vertreter von Allianz und anderen Finanzkonzernen, die selbst als Gefangene des Wachstums der Finanzm\u00e4rkte dargestellt werden. Das Schuldenmachen wird nun aus Sicht von Opitz zur treibenden Kraft des Kapitalismus. An dieser Sichtweise ist richtig, dass Geld und Kredit notwendige Elemente der kapitalistischen Produktionsweise sind und sich zeitweilig gegen\u00fcber der Mehrwertproduktion verselbst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, aber in letzter Instanz immer wieder auf die Produktion des Mehrwertes zur\u00fcckzubeziehen sind. Es ist eine Illusion zu glauben, dass auf die Dauer die Verselbst\u00e4ndigung der Finanzm\u00e4rkte im Kapitalismus weitergetrieben werden kann, ohne das gesamte System zum Einsturz zu bringen. Das w\u00e4re dann auch das Ende der Mehrwertproduktion und der privaten Kapitalverwertung. Auch Opitz sieht das Ende, aber bedingt durch die Gier nach Wachstum und nicht aufgrund der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Mehrwertproduktion.<br \/>\nAuch Florian Opitz fragt nach Alternativen zu dieser Wirtschaftsordnung und kommt auf die VR China als Alternative. Er stellt fest, dass auch hier das Wachstum ganz gro\u00dfgeschrieben wird, Er unterl\u00e4sst es allerdings, genauer den sogenannten \u201eSozialismus chinesischer Pr\u00e4gung\u201c zu untersuchen und den Unterschied zu kapitalistischen Gesellschaften herauszuarbeiten. Eine solche Untersuchung h\u00e4tte ergeben, dass hier in kurzer Zeit ein unterentwickeltes Land in eine moderne Industriegesellschaft transformiert wurde, mit allerdings gro\u00dfen sozialen Ungleichheiten und politischen Widerspr\u00fcchen. Sie h\u00e4tte aber auch ergeben k\u00f6nnen, dass eine sozialistische Marktwirtschaft eine Alternative zum Kapitalismus erbringen k\u00f6nnte und, im Gegensatz zur VR China, eine Demokratisierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen.<br \/>\nOpitz sieht richtig, dass das Kartenhaus der Finanzm\u00e4rkte 2008 zusammenbrach, begonnen beim Zusammenbruch der Lehman Brothers. Ihm ist auch zuzustimmen, dass die Notwendigkeit einer st\u00e4rkeren Regulierung des Finanzsektors gegeben war und diese Chance vertan wurde. Der digitale Kapitalismus wurde inzwischen als Rettungsanker des Kapitalismus propagiert. Opitz gibt zu bedenken, dass nun ein Verteilungsproblem entst\u00fcnde, weil durch die fortschreitende Automatisierung immer mehr Menschen aus dem Produktions- und Dienstleistungsprozess verdr\u00e4ngt w\u00fcrden, deren kaufkr\u00e4ftige Nachfrage dann an den M\u00e4rkten fehlte. Es h\u00e4tte von ihm aber deutlicher herausgestellt werden m\u00fcssen, dass es darum geht, die Verteilung als Kehrseite der Produktionsverh\u00e4ltnisse zu begreifen und diese grundlegend zu ver\u00e4ndern sind. Das w\u00fcrde bedeuten, schrittweise den Profit als Steuerungselement der Wirtschaft zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und durch eine schrittweise Demokratisierung Ankn\u00fcpfungspunkte einer neuen Wirtschaftsordnung zu schaffen. Da bei Opitz dieser Weg zu einer nachkapitalistischen Ordnung nicht deutlich wird und er bei einer allgemeinen Wachstumskritik bleibt, bleibt f\u00fcr ihn nur die Hoffnung auf Ver\u00e4nderung ohne Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine alternative Ordnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DR.PETER BEHNEN DIE LINKE FREIBURG WIE ENDET DER KAPITALISMUS? Der Film \u201eSystem-Error-Wie endet der Kapitalismus?\u201c von Florian Opitz von 2018, der 2020 in der ARD ausgestrahlt wurde, besch\u00e4ftigt sich mit den Folgen des Wirtschaftswachstums. 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