{"id":1375,"date":"2021-08-27T11:26:42","date_gmt":"2021-08-27T09:26:42","guid":{"rendered":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/?p=1375"},"modified":"2021-08-27T11:26:42","modified_gmt":"2021-08-27T09:26:42","slug":"das-afghanische-debakel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/2021\/08\/27\/das-afghanische-debakel\/","title":{"rendered":"Das afghanische Debakel"},"content":{"rendered":"<p>Dr. Peter Behnen<br \/>\nDie Linke Freiburg<\/p>\n<p>AFGHANiSTAN- WIE \u00d6KONOMIE, IDEOLOGIE UND POLITIK EIN LAND ZERST\u00d6REN (1)<br \/>\nDer R\u00fcckzug der amerikanischen Truppen und der Nato-Truppen insgesamt aus Afghanistan l\u00e4sst die afghanische Gesellschaft im Chaos zur\u00fcck. Die Masse der Bev\u00f6lkerung ist weiter bettelarm, ein Viertel der Bev\u00f6lkerung ist unterern\u00e4hrt und es fehlt eine leistungsstarke Landwirtschaft. Nur die H\u00e4lfte der afghanischen Jungen und ein Viertel der M\u00e4dchen besuchen eine Schule. Besonders Frauen und M\u00e4dchen erfahren t\u00e4glich Menschenrechtsverletzungen. Es zeigt sich sehr deutlich, auch und gerade nach einer zwanzigj\u00e4hrigen Milit\u00e4rintervention des Westens, dass sich Afghanistan weiter auf einem \u00e4u\u00dferst geringen Entwicklungsniveau befindet.<br \/>\nDie Frage ist allerdings, worin die tieferen Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Entwicklung liegen?<br \/>\nFestzuhalten ist, dass die afghanische Gesellschaft keine kapitalistische Produktionsweise mit einer b\u00fcrgerlich-demokratischen politischen Ordnung aufweist. Es handelt sich um eine vorb\u00fcrgerliche Produktionsweise, bei der die H\u00e4lfte der Bauern noch Subsistenzwirtschaft betreibt. Es liegt eine Stammesgesellschaft vor, die auf Verwandtschaftsbeziehungen basiert, die zugleich mit politischen, patriarchalen und religi\u00f6sen Strukturen verbunden sind. Es fehlt eine klare Unterscheidung von \u00f6konomischer Basis und \u00dcberbaustrukturen, wie wir sie aus kapitalistischen Gesellschaften kennen. Afghanistan als Stammesgesellschaft besteht aus \u00fcber 50 Ethnien, von denen die Paschtunen den gr\u00f6\u00dften Stamm bilden und die F\u00fchrung des Landes beanspruchen. An der Stammesversammlung (Jirga) nehmen alle m\u00e4nnlichen Stammesmitglieder teil, in der zwar nach dem Konsensprinzip entschieden werden soll, aber die Paschtunen sich in der Regel durchsetzen k\u00f6nnen. Frauen haben wenig Rechte und haben h\u00e4ufig Rechtsverletzungen und Gewalt zu erleiden.<br \/>\nDieser gesellschaftliche Hintergrund ist als Folie zum Verst\u00e4ndnis der Gesellschaft Afghanistans und auch ihrer j\u00fcngeren Geschichte zu nehmen. Allerdings in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts stand Afghanistan am Scheideweg zwischen der islamischen Tradition und der Moderne. Es herrschte Frieden und der K\u00f6nig Mohammed Sahir Schah forderte demokratische Rechte auch f\u00fcr Frauen. Es entstand eine Bewegung von Studentinnen und Studenten in Kabul, allerdings gespalten in Vertreter des Sozialismus und der islamischen Revolution. Der Konflikt breitete sich aus, die Monarchie ging unter und die kommunistische Partei Afghanistans ergriff die politische Macht. Sie wollte das Land radikal ver\u00e4ndern, jedoch mit stalinistischen Methoden ohne R\u00fccksicht auf die tats\u00e4chlich vorhandenen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Die kommunistische Partei stie\u00df auf den Widerstand der Mudschahedin, die Vorl\u00e4ufer der Taliban, die sich besonders aus K\u00e4mpfern vom Land rekrutierten. Sie wurden von Bauern, Viehz\u00fcchtern und teilweise auch Nomaden unterst\u00fctzt und von Anfang an auch finanziell aus den USA. So war es kein Wunder, dass Afghanistan zum Schauplatz des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und den USA wurden. Die sowjetischen Truppen r\u00fcckten ein, um die Herrschaft der kommunistischen Partei zu sichern, ein B\u00fcrgerkrieg ab 1979 war die logische Folge. Der Konflikt dauerte 10 Jahre und f\u00fchrte 1989 nach einer erfolglosen Intervention zum Abzug der sowjetischen Truppen, oder wie in den USA gesagt wurde, zu einem \u201eVietnam\u201c der Sowjetunion. Die Niederlage der Sowjetunion trug zum Zusammenbruch der gesamten Sowjetunion bei, aber auch zur Geburt des islamistischen Fundamentalismus. Der Truppenabzug der Sowjetunion f\u00fchrte nicht zum Frieden in Afghanistan, sondern zu weiteren K\u00e4mpfen der Mudschahedin untereinander bis 1994 eine neue Bewegung in die K\u00e4mpfe eingriff, die Frieden versprach, die sogenannten Taliban. Sie obsiegten 1996, nachdem sie von den USA aber auch aus Pakistan massiv unterst\u00fctzt worden waren. Ihr Sieg verwandelte das Land in eine Brutst\u00e4tte f\u00fcr den radikalen Islamismus und zum Aufenthaltsort f\u00fcr Osama Bin Laden, den Anf\u00fchrer der Al-Kaida. Die USA hatte ihr Antikommunismus wieder einmal in eine Sackgasse gef\u00fchrt, bis es am 9.11.2001 zu einem Terroranschlag in New York kam, f\u00fcr den Osama Bin Laden und die Al-Kaida verantwortlich gemacht wurden. Da die Taliban in Afghanistan Bin Laden weiter sch\u00fctzten, r\u00fcckte die US-Armee in Afghanistan ein, um die Taliban zu st\u00fcrzen und Bin Laden zu stellen. Trotz allem begr\u00fc\u00dften viele Afghaninnen und Afghanen die ausl\u00e4ndischen Truppen voller Hoffnung. Frauen konnten ihre Burkas ablegen und es fanden freie Wahlen statt. Ehemalige Kriegsherren zogen ins Parlament ein mit dem Segen der USA. Andere Taliban wurden ausgeschlossen, ein neuer Aufstand entwickelte sich, trotz massiver Investitionen der USA und anderer Nato-Partner. Die Investitionen erfolgten ohne Plan und flossen in die Taschen von Wenigen. Es herrschte weiter allgemeine Armut, es gab Bildung f\u00fcr Wenige und kaum Wohlstand und Bildung f\u00fcr Landbewohner. Auf dieser Basis regenerierten sich die Taliban und gewannen in schweren K\u00e4mpfen das Land St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zur\u00fcck. Der Kampf wurde von beiden Seiten mit gro\u00dfer Brutalit\u00e4t gef\u00fchrt und auch die Zivilbev\u00f6lkerung hatte hohe Verluste zu beklagen.<br \/>\nSp\u00e4testens jetzt h\u00e4tte klar werden m\u00fcssen, dass angesichts der oben skizzierten Gesellschaftsstruktur weder ein Sozialismus sowjetischer Pr\u00e4gung noch eine kapitalistische Gesellschaft mit einer parlamentarischen Demokratie verwirklicht werden konnte. Diese Einsicht war es jedoch nicht sondern die T\u00f6tung Bin Ladens, die seit 2014 zum langsamen R\u00fcckzug der USA von Afghanistan f\u00fchrte. Inzwischen haben die Taliban Kabul und Afghanistan insgesamt zur\u00fcckgewonnen und die USA und ihre Nato-Verb\u00fcndeten m\u00fcssen bis zum 31.8.21 das Land verlassen. Das Geb\u00e4ude der Illusionen, dem die USA und ihre Verb\u00fcndeten im 20j\u00e4hrigen Milit\u00e4reinsatz erlegen sind, ist komplett eingest\u00fcrzt. Zugleich entstand eine Z\u00e4sur f\u00fcr die internationale Politik insgesamt. \u201eDie hastige Beendigung der Milit\u00e4rintervention in Afghanistan h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass sich der geo-politische Fokus der USA grundlegend ver\u00e4ndert hat.\u201c (2) Den systemischen Rivalen China gilt es aus Sicht der US-Politik einzud\u00e4mmen, es geht darum, die Volksrepublik China bei dem Ausbau ihrer Technologien und auch milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten zu stoppen. Die Entwicklung in Afghanistan liegt offensichtlich nicht mehr im nationalen Interesse der USA. Es ist deswegen damit zu rechnen, dass China in dieses politische Vakuum sto\u00dfen wird, ohne dass mit dem Projekt \u201eNeue Seidenstra\u00dfe\u201c das chinesische Modell anderen Nationen aufgedr\u00e4ngt werden soll. Im Zuge der Plattform-\u00d6konomie ist davon auszugehen, dass China die in Afghanistan vermuteten Bodensch\u00e4tze (Lithium, Kupfer, seltene Erden etc.) nutzen und im Gegenzug das Taliban-Regime finanziell unterst\u00fctzen will.<br \/>\nIn der Bundesrepublik konzentriert man sich augenblicklich auf die Fehler-analyse zum Afghanistan-Konflikt. Sowohl die CDU\/CSU, SPD und die Gr\u00fcnenm\u00fcssen sich vorhalten lassen, bis zuletzt die Intervention in Afghanistan unterst\u00fctzt zu haben und sich vor den Karren der westlichen Au\u00dfenpolitik haben spannen lassen. Der Partei Die Linke fehlte bisher ein klares au\u00dfenpolitisches Profil, sie hatte jedoch richtigerweise die Afghanistanpolitik konsequent verurteilt.  Die Linke sollte nun in die \u201eOffensive gehen und am afghanischen Desaster beispielhaft klarstellen, um was es im Rahmen einer zukunftsf\u00e4higen Au\u00dfenpolitik prim\u00e4r gehen muss, n\u00e4mlich um verst\u00e4rkte internationale Kooperation und nicht um die Bewahrung und den Ausbau technologischer und milit\u00e4rischer Vorherrschaft des Westens.\u201c (3)<br \/>\n(1)Diesem Aufsatz liegen der Dokumentarfilm \u201e Afghanistan-Das verwundete Land\u201c von 2020 und der Aufsatz von Friedrich Steinfeld \u201e Das afghanische Debakel\u201c aus Sozialismus aktuell vom 21.8.21 zugrunde.<br \/>\n(2) Friedrich Steinfeld a.a.O. S.4<br \/>\n(3) Friedrich Steinfeld a.a.O. S. 6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Peter Behnen Die Linke Freiburg AFGHANiSTAN- WIE \u00d6KONOMIE, IDEOLOGIE UND POLITIK EIN LAND ZERST\u00d6REN (1) Der R\u00fcckzug der amerikanischen Truppen und der Nato-Truppen insgesamt aus Afghanistan l\u00e4sst die afghanische Gesellschaft im Chaos zur\u00fcck. Die Masse der Bev\u00f6lkerung ist weiter bettelarm, ein Viertel der Bev\u00f6lkerung ist unterern\u00e4hrt und es fehlt eine leistungsstarke Landwirtschaft. 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