{"id":1467,"date":"2022-12-17T12:59:59","date_gmt":"2022-12-17T11:59:59","guid":{"rendered":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/?p=1467"},"modified":"2022-12-17T12:59:59","modified_gmt":"2022-12-17T11:59:59","slug":"der-kapitalismus-der-letzten-jahrzehnte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/2022\/12\/17\/der-kapitalismus-der-letzten-jahrzehnte\/","title":{"rendered":"Der Kapitalismus der letzten Jahrzehnte"},"content":{"rendered":"<p><strong>DR.PETER BEHNEN<\/strong><\/p>\n<p><strong>DIE LINKE FREIBURG<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; DER KAPITALISMUS DER LETZTEN JAHRZEHNTE.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Corona-Pandemie und auch der Ukrainekrieg haben dazu gef\u00fchrt, dass \u00f6konomische und sozialen Entwicklungen, zum Beispiel die Verteuerung der Lebenshaltung, die steigenden Energiekosten, die Arbeitslosigkeit und die verbreitete soziale Unsicherheit aus diesen Ereignissen erkl\u00e4rt wurden. Dabei ger\u00e4t aus dem Blickfeld, dass es sich vielfach um langfristige Entwicklungstendenzen der letzten Jahrzehnte handelt, die nur durch die obigen Ereignisse verst\u00e4rkt wurden. Deswegen ein Blick zur\u00fcck. <\/strong><\/p>\n<p><strong>In den meisten kapitalistischen L\u00e4ndern war die Weltwirtschaftskrise 1974\/75 das Ende einer langen Prosperit\u00e4t. Schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts deutete sich wirtschaftlich und politisch ein Umschwung an. Die \u00c4ra des Fordismus, die gekennzeichnet war durch eine entwickelte Arbeitsteilung innerbetrieblich, national und international und die Bildung gro\u00dfer Oligopole, war an ihre Grenzen gesto\u00dfen.&nbsp; Die Flie\u00dfbandproduktion in alt hergebrachter Form geriet in Widerspruch zur Ver\u00e4nderung an den M\u00e4rkten. Diese hatten sich zu K\u00e4uferm\u00e4rkten entwickelt mit sehr differenzierten Kundenw\u00fcnschen. Die Folge war, dass nachtr\u00e4gliche Qualit\u00e4tskontrollen und Nachbesserungen im Produktionsprozess von Waren an der Tagesordnung waren. Das wiederum hatte zur Folge, dass bei einer weiter sinkenden gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate auch das Wachstum der gesellschaftlichen Profitmasse abnahm. Das Ergebnis war eine sogenannte strukturelle \u00dcberakkumulation des Kapitals. An sich bedeutet \u00dcberakkumulation von Kapital eine \u00dcberreichlichkeit von produktivem Kapital (Z.B. Maschinen) sowie von Warenkapital im Verh\u00e4ltnis zur privaten Kapitalverwertung. Diese \u00dcberakkumulation wird strukturell, das hei\u00dft chronisch, wenn die \u00dcberkapazit\u00e4ten im Laufe eines normalen Konjunkturzyklus nicht mehr abgebaut werden k\u00f6nnen. Die \u00dcberakkumulation im produktiven Sektor f\u00fchrt dann zu einer beschleunigten Akkumulation von Geldkapital und seinen vielf\u00e4ltigen Anlageformen mit meist spekulativen Bewegungen, die r\u00fcckwirkend die produktiven Anlagen blockieren. Das schlie\u00dft die \u00dcberschuldung vieler Unternehmen, von Privathaushalten und Staatshaushalten ein.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die dargestellte Entwicklung pr\u00e4gt die gr\u00f6\u00dften kapitalistischen Gesellschaften seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit weiter fallenden gesellschaftlichen Durchschnittsprofitraten (m\/c+v) und verlangsamten Wachstum der Profitmasse. Es handelt sich um allgemeine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Kapitalismus. Da die Produktion des Mehrwertes (m) durch die Arbeitskr\u00e4fte(v) geschieht und der Einsatz von Maschinen etc. (c) schneller als der der Arbeitskr\u00e4fte w\u00e4chst, kommt es zu dem Fall der Profitrate und am bestimmten Punkt auch zur Verlangsamung der Profitmasse. Diese Entwicklung am Ende der Nachkriegsprosperit\u00e4t in den 70er Jahren war ebenfalls das Ende des internationalen W\u00e4hrungssystems von Bretton-Woods.&nbsp; Spekulative Geldbewegungen hatten sich zunehmend gegen den US-Dollar gerichtet und damit das Fixkurssystem mit dem Dollar als sein Zentrum zum Einsturz gebracht. Ebenso bedrohlich erschien schon damals die beschleunigte Inflation der Warenpreise. Sie beruhte auf zwei Ursachen. Es war einerseits eine binnenwirtschaftliche Ursache mit der Verschuldung von privaten und staatlichen Haushalten sowie einer permissiven Notenbankpolitik (freiz\u00fcgige Kreditgew\u00e4hrung) und andererseits eine au\u00dfenwirtschaftliche Rohstoffpreisentwicklung (\u00d6l) also importinduzierter Preissteigerung. Im Zusammenhang mit der ausbleibenden Dynamik im produktiven Sektor f\u00fchrte das zur gleichzeitigen Stagnation und Inflation (Stagflation). <\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Fall der gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate traf auf eine Erh\u00f6hung des Geldzinssatzes, also das klassische Dilemma der Kapitalverwertung. Es folgte ein Paradigmenwechsel der Wirtschaftspolitik, die Bek\u00e4mpfung der Inflation erhielt absolute Priorit\u00e4t. Die Nachfragepolitik der f\u00fchrenden Regierungen wurde zur\u00fcckgefahren und die restriktive Geldmengenpolitik der Zentralbanken wurde Trumpf. In den 80er Jahren wirkt der Druck auf die L\u00f6hne vor\u00fcbergehend entlastend f\u00fcr die Profitentwicklung. Allerdings war der Druck nicht nachhaltig, das hei\u00dft, er f\u00fchrte nicht zu einer neuen beschleunigten Kapitalakkumulation im produktiven Sektor. Die konsumtive Massennachfrage wurde ausgeh\u00f6hlt, es kam nicht zu einer Aufl\u00f6sung der chronischen \u00dcberakkumulation. Es kam hinzu, dass viele asiatische Staaten, ausgenommen nur die VR China und Taiwan, in die \u00dcberakkumulation einbezogen wurden. Der Asienkrise folgte die Russlandkrise 1998, die Brasilienkrise 1999, die T\u00fcrkeikrise 2000 und die Argentinienkrise 2001.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Neu in den USA um die Jahrtausendwende war die durch die Geld- und Finanzpolitik versuchte Nachfragestimulierung durch die sogenannte \u201easset-based, wealthdriven&nbsp; accumulation.\u201c Es ist der Versuch, mithilfe der Ausweitung der Kreditaufnahme der Privathaushalte und flankiert durch die Niedrigzinspolitik der US-Zentralbank und einer Aktienhausse dem reproduktiven Kapital einen Impuls zugeben. Dieser Versuch scheiterte wegen des negativen Effektes auf die Massennachfrage ebenso wie der n\u00e4chste Versuch, der eine gewaltige Immobilienkrise hervorrief. Es entstand eine gigantische kreditinduzierte Immobilienblase und wurde beendet durch die Finanzmarktkrise 2007. Sie gilt als zweite gro\u00dfe Krise des Kapitalismus und der H\u00f6hepunkt der strukturellen \u00dcberakkumulation. Dieser Krise folgte wieder eine permissive Notenbankpolitik bei gleichzeitigem Versuch, die Schulden von Privathaushalten und Unternehmen abzubauen. Eine wirtschaftliche Entwicklung mit stagnativem Grundton war das Ergebnis der&nbsp; Zeit nach der Finanzkrise.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;Die Coronakrise zu Beginn des Jahres 2020 und auch die Ukraine-Krise ab 2022 und ihre wirtschaftlichen Folgen machen deutlich, dass eine L\u00f6sung der \u00f6konomisch-sozialen Probleme auf Dauer nur m\u00f6glich sein wird, wenn der Neoliberalismus \u00fcberwunden und ein kontrollierter Abbau der Schulden im Rahmen des Abbaus der Wirtschaftsblockaden der Profitproduktion und des sukzessiven Aufbaus eine nicht-kapitalistischen Wirtschaftsordnung erfolgt. Dazu bedarf es allerdings eines fundamentalen Wandels in den politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen zu Gunsten der Interessen der gro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Das wird eine sozial-\u00f6kologische Orientierung in Betrieben, Gesamtwirtschaft und Weltmarkt sein m\u00fcssen. Erforderlich ist eine sozialistische Politik die glaubw\u00fcrdig ist, glaubw\u00fcrdig vertreten wird und durch die Masse der Bev\u00f6lkerung getragen wird. Dass das keine Utopie bleibt, daran hat die Linke kraftvoll mitzuarbeiten. &nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DR.PETER BEHNEN DIE LINKE FREIBURG &nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; DER KAPITALISMUS DER LETZTEN JAHRZEHNTE. 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