{"id":1520,"date":"2024-01-31T17:49:26","date_gmt":"2024-01-31T16:49:26","guid":{"rendered":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/?p=1520"},"modified":"2024-01-31T17:49:26","modified_gmt":"2024-01-31T16:49:26","slug":"konjunkturzyklus-und-langfristige-entwicklung-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/2024\/01\/31\/konjunkturzyklus-und-langfristige-entwicklung-des-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Konjunkturzyklus und langfristige Entwicklung des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>DR.PETER BEHNEN<\/strong><\/p>\n<p><strong>DIE LINKE FREIBURG<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>DER KONJUNKTURZYKLUS UND LANGFRISTIGE ENTWICKLUNGSTENDENZEN DES KAPITALISMUS (1)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wenn auf Basis der Marxschen Theorie das Thema betrachtet werden soll, dann muss davon ausgegangen werden, dass im Marxschen \u201eKapital\u201c die \u00f6konomische Grundstruktur der kapitalistischen Produktionsweise dargestellt worden ist. Auf dieser Basis gilt es dann, die historische Entwicklung des Kapitalismus und ihre Besonderheiten zu untersuchen. Eine empirisch-statistische Analyse kann dann wichtige Hinweise f\u00fcr die politische Arbeit der Linken geben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die erste wirkliche Weltmarktkrise 1825 stellt den Beginn der zyklischen Bewegung des Kapitalismus dar. Vorher gab es keine regelm\u00e4\u00dfig auftretenden \u00f6konomischen Krisen, weil in vorkapitalistischen Gesellschaften in erster Linie unregelm\u00e4\u00dfig auftretende, durch Herrschaftsverh\u00e4ltnisse (z.B. im Feudalismus) oder Naturkatastrophen bedingte, \u00f6konomisch-soziale Krisen gegeben waren. Erst die Betriebsweise der gro\u00dfen Industrie, die erste Betriebsweise des Kapitalismus, f\u00fchrte zu regelm\u00e4\u00dfigen Konjunkturzyklen. Das liegt daran, dass nach einer kurzen Periode ein Teil des fixen Kapitals (Maschinen) durch konkurrenzf\u00e4hige Exemplare zu ersetzen ist. Das f\u00fchrt zur Steigerung des Mehrwerts im Produktionsg\u00fctersektor und zeitversetzt auch im Konsumg\u00fcterbereich. Die Entwicklung der L\u00f6hne zieht nach bis die Verwertung des Kapitals beeintr\u00e4chtigt wird und zu einem Abschwung bzw. Krise f\u00fchrt. Erst die wieder hergestellten Mehrwert- bzw. Profitverh\u00e4ltnisse, bedingt durch die Senkung der L\u00f6hne und Ausgabensenkung beim fixen Kapital, geben den Ansto\u00df f\u00fcr einen neuen Zyklus (2). Damit verbunden war der Ersatz des fixen Kapitals durch konkurrenzf\u00e4hige Produkte. Seit 1825 bis zum Ausbruch des 1.Weltkrieges durchlief die kapitalistische Produktionsweise 10 industrielle Zyklen mit Gro\u00dfbritannien als Demiurg des Weltmarktes (3). Diese ersten industriellen Zyklen umfassten jeweils 10 Jahre und verk\u00fcrzten sich auf 7-8 Jahre. Die Verk\u00fcrzung erkl\u00e4rt sich durch die zunehmende Konkurrenz Gro\u00dfbritanniens durch die USA und sp\u00e4ter auch des Deutschen Reiches und damit zusammenh\u00e4ngend, dass das fixe Kapital schneller aus Konkurrenzgr\u00fcnden ersetzt werden musste. Die Zyklen hatten ausgepr\u00e4gte Auf- und Abschw\u00fcnge mit absoluten Kontraktionen am Ende eines Zyklus. Das hatte mit dem noch unentwickelten Geld- und W\u00e4hrungssystem, fehlenden Staatseingriffen und fehlendem Sozialstaat zu tun. Im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts wurden die USA und das deutsche Reich zu den gr\u00f6\u00dften Konkurrenten Gro\u00dfbritanniens und damit auch zu einer Einebnung der industriellen Vorherrschaft Gro\u00dfbritanniens und zu einer Synchronisierung der Konjunkturzyklen. Gro\u00dfbritannien verlor seine Rolle als Demiurg des Weltmarktes, blieb allerdings aufgrund seiner f\u00fchrenden Rolle als Handels- und Finanzplatz der Hegemon des Weltmarktes (4).<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nach dem 1.Weltkrieg dauerte es nur kurz bis die USA und Gro\u00dfbritannien zur Friedenswirtschaft zur\u00fcckkehren konnten und auch zur zyklischen Bewegung der Kapitalakkumulation. Die Zyklusl\u00e4nge war inzwischen auf 5-7 Jahre verk\u00fcrzt. Das Deutsche Reich durchlief eine Periode der Hyperinflation, die 1923 durch eine W\u00e4hrungsreform beendet wurde. Das einschneidende \u00f6konomisch-soziale Ereignis war dann die Weltwirtschaftskrise von 1929 ff. Sie ist durch das Zusammentreffen einer Agrarkrise peripherer Staaten mit einer zyklischen Krise der kapitalistischen Metropolen und einer kreditfinanzierten Spekulation an den B\u00f6rsen zu erkl\u00e4ren. Hinzu kam, dass die staatliche Politik (Br\u00fcning) eine restriktive Haushaltspolitik betrieb und damit die staatliche Nachfrage einschn\u00fcrte. Keynes hatte schon damals darauf hingewiesen, dass durch eine nachfrageorientierte Politik der Kapitalismus noch erhebliche Wachstumspotentiale haben k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der 2. Weltkrieg war mit einem rasanten \u00f6konomischen Wachstum f\u00fcr die USA verbunden. Am Ende des Krieges waren sie der unbestrittene Repr\u00e4sentant der sogenannten fordistischen Betriebsweise. &nbsp;Damit ist gemeint, dass die seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA betriebene Massenproduktion und Flie\u00dfbandfertigung auch in Europa zunehmend Eingang fand. Sie wurde Fordismus genannt, weil sie zuerst in der Autoindustrie bei Ford entwickelt wurde. Wichtig war seit 1944 ebenfalls, dass auf der Konferenz von Bretton Woods das Geld- Kredit- und W\u00e4hrungssystem im Kapitalismus total ver\u00e4ndert wurde. Der Banknotenumlauf wurde nicht mehr an den Goldschatz der Zentralbank gebunden, die Wechselkurse der beteiligten L\u00e4nder waren innerhalb bestimmter Schwankungsbreiten fest und es sollte verst\u00e4rkt in die Finanztransaktionen zur Abwehr von Spekulationen eingegriffen werden. Der US-Dollar wurde die Leitw\u00e4hrung des Systems und verpflichtete die USA Gold gegen Dollar umzutauschen, wenn es die beteiligten L\u00e4nder w\u00fcnschten. Der Weltmarktzyklus zwischen 1950-1975 ergab eine ziemlich genaue \u00dcbereinstimmung mit dem US-Zyklus bei einer Zyklusdauer von 4-5 Jahren. Diese \u00f6konomische F\u00fchrungsrolle der USA ging allerdings schrittweise verloren, weil insbesondere die Bundesrepublik und Japan die wichtigsten Konkurrenten wurden und die Produktivit\u00e4ts- und Kostenvorteile der USA eingeebnet wurden. Die USA verzeichneten einen Goldabfluss und wurden zu einer Schuldnernation. Das Ergebnis war, dass das Bretton-Woods-System 1971 von den USA aufgehoben wurde. Darin muss der Vorbote des \u00dcbergangs der meisten kapitalistischen Nationen in die sogenannte chronische \u00dcberakkumulation gesehen werden, die dann auch mit der Weltwirtschaftskrise 1974\/75 begann.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Chronische \u00dcberakkumulation bedeutet, dass an die Stelle des Prosperit\u00e4tszyklus bis zur Mitte der 70er Jahre ein neues Zyklusmuster mit schwachen Aufschw\u00fcngen und tieferen Abschwungsphasen trat bei einer Verl\u00e4ngerung der Zyklusdauer vom 7-8 Jahren. W\u00e4hrend fr\u00fcher \u00dcberkapazit\u00e4ten in der Industrie am Ende eines Zyklus abgebaut wurden, gelang das nun nicht mehr, das hei\u00dft, die \u00dcberakkumulation wurde chronisch. Bis zur Jahrtausendwende konnten die USA ihren Anteil am Welthandel halten, inzwischen gilt das nicht mehr. Es begann der \u00f6konomische Aufstieg der VR China. Weil sich Kapital im industriellen Sektor nicht mehr ausreichend verwerten lie\u00df, wurde und wird es in der Finanzsph\u00e4re untergebracht mit der Hoffnung auf Kursgewinne und Spekulationsgesch\u00e4fte. Besonders in den USA und Japan verselbstst\u00e4ndigte sich der Finanzbereich mit einer Aktienhausse und einer gewaltigen Immobilienspekulation. Das Kurs-Gewinn-Verh\u00e4ltnis auch in der Bundesrepublik offenbarte eine spekulative Bewertung von Wertpapieren (fiktivem Kapital). &nbsp;Das unterliegende Problem ist das Verh\u00e4ltnis der Akkumulation des Realkapitals zum Geldkapital. Eine gewaltige Steigerung des Geldverm\u00f6gens steht einer weit geringeren Steigerung der tats\u00e4chlichen Wertsch\u00f6pfung der BRD-\u00d6konomie gegen\u00fcber. Dahinter verbirgt sich der tendenzielle Fall der durchschnittlichen Profitrate, der dadurch entsteht, dass durch die Produktivit\u00e4tsentwicklung im Kapitalismus das variable Kapital (mehrwertschaffende Arbeitskr\u00e4fte v) langsamer w\u00e4chst als das konstante Kapital (Produktionsmittel c). Das Verh\u00e4ltnis von beiden Gr\u00f6\u00dfen zueinander stellt die gesellschaftliche Profitrate m\/c + v dar, die dadurch die Tendenz hat zu sinken. Das gilt auch in der Zeit der Prosperit\u00e4t, solange auch v w\u00e4chst wird die Akkumulation des Kapitals nicht unterbrochen. Erst wenn das nicht mehr gelingt, wie seit den 70er Jahren, entsteht die chronische \u00dcberakkumulation mit einer krisenhaften Akkumulationsentwicklung des Kapitals. Als Konsequenz kommt es zum Ausscheiden eines Teils des Kapitals aus der Konkurrenz und die Flucht eines anderen Teils auf die Finanzm\u00e4rkte. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Finanzmarktkrise 2007 ist eine Z\u00e4sur und hat die Grenzen der finanzmarktgetriebenen Kapitalakkumulation zur \u00dcberwindung der chronischen \u00dcberakkumulation deutlich gemacht. Sie ging von den USA aus als Folge vor allem der \u00dcberhitzung des Immobilienmarktes und griff auch auf andere kapitalistische L\u00e4nder \u00fcber. Zum \u00dcbergang in eine neue Prosperit\u00e4tsentwicklung sind besondere Weichenstellungen n\u00f6tig. Es muss eine neue Betriebsweise etabliert werden, in der eine enge Kooperation der Unternehmen stattfindet, begleitet von einer Orientierung auf eine Wirtschaftsdemokratie einzelbetrieblich und gesamtgesellschaftlich. Das bedeutet auch, die Mitbestimmung und Mitentscheidung der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten zu erh\u00f6hen. Gemeinwirtschaftliche Unternehmen gilt es besonders zu f\u00f6rdern. Die Verteilung der Einkommen und Verm\u00f6gen ist durch staatliche Interventionen zugunsten der gro\u00dfen Masse der Bev\u00f6lkerung zu ver\u00e4ndern. Eine Regulierung der Finanzm\u00e4rkte ist angesagt, Spekulationsgesch\u00e4ften muss ein Ende gemacht werden. Die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) ist mehr auf besch\u00e4ftigungspolitische und investive Ziele zu verpflichten. Der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IWF) ist in eine Weltzentralbank zu \u00fcberf\u00fchren. Insgesamt ist die Dominanz der kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse Schritt f\u00fcr Schritt zu beseitigen und es ist in die Richtung einer sozialistischen Marktwirtschaft zu gehen, <\/strong><\/p>\n<p><strong>(1)Der Aufsatz basiert auf dem Text von Stephan Kr\u00fcger: Allgemeine Theorie der Kapitalakkumulation, VSA-Verlag, Hamburg 2010. Au\u00dferdem wurde ein Vortrag von Stephan Kr\u00fcger an der Universit\u00e4t Hamburg am 27.10.2010 zugrunde gelegt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>(2) a, a, O. S. 321 ff <\/strong><\/p>\n<p><strong>(3) Demiurg bedeutet in diesem Zusammenhang Sch\u00f6pfer des kapitalistischen Weltmarktes<\/strong><\/p>\n<p><strong>(4) Ein Hegemon hat eine herausgehobene Stellung am kapitalistischen Weltmarkt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DR.PETER BEHNEN DIE LINKE FREIBURG &nbsp; DER KONJUNKTURZYKLUS UND LANGFRISTIGE ENTWICKLUNGSTENDENZEN DES KAPITALISMUS (1) Wenn auf Basis der Marxschen Theorie das Thema betrachtet werden soll, dann muss davon ausgegangen werden, dass im Marxschen \u201eKapital\u201c die \u00f6konomische Grundstruktur der kapitalistischen Produktionsweise dargestellt worden ist. 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