{"id":306,"date":"2014-04-26T16:42:24","date_gmt":"2014-04-26T14:42:24","guid":{"rendered":"http:\/\/linke-bw.de\/kv-breisgau\/?p=306"},"modified":"2014-04-26T16:42:24","modified_gmt":"2014-04-26T14:42:24","slug":"marx-keynes-und-der-heutige-finanzkapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/2014\/04\/26\/marx-keynes-und-der-heutige-finanzkapitalismus\/","title":{"rendered":"Marx, Keynes und der heutige Finanzkapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Dr.Peter Behnen<\/strong><\/p>\n<p>Die aktuelle Diskussion in der politischen Linken \u00fcber den Finanzkapitalismus ist gepr\u00e4gt durch die Auseinandersetzung, inwieweit die wirtschaftliche Entwicklung heute durch das Finanzkapital( Banken, Versicherungen, Hedge-Fonds, Equity-Fonds etc.) beherrscht wird oder nicht. Die These, der augenblickliche Kapitalismus sei finanzgetrieben, findet sich in verschiedenen systemkritischen Ans\u00e4tzen. Dabei werden h\u00e4ufig nicht\u00a0 der Kapitalismus an sich sondern die entfesselten und unregulierten Kapitalm\u00e4rkte f\u00fcr die Probleme verantwortlich gemacht. F\u00fcr eine realistische Positionsbestimmung und eine erfolgversprechende politische Strategie ist es deshalb von gro\u00dfer Wichtigkeit, sich \u00fcber die theoretischen Grundlagen seiner Politik zu verst\u00e4ndigen. Im Gegensatz zur Sichtweise b\u00fcrgerlicher Positionen in Wissenschaft und Politik k\u00f6nnen es nicht historische Zuf\u00e4lligkeiten, menschliche Gier oder besondere gesellschaftliche Ausw\u00fcchse sein, die die wirtschaftliche Entwicklung bestimmen sondern strukturelle Grundlagen dieser Wirtschaftsordnung. Umstritten innerhalb der Linken ist allerdings, von welchen strukturellen Grundlagen auszugehen ist, auf welcher theoretischen Basis also politische L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge zu erarbeiten sind.<!--more--><\/p>\n<p>Die Grundstruktur des Finanzkapitalismus.<br \/>\nIn der Geschichte der Arbeiterbewegung gab es eine Vielzahl von Versuchen, den Kapitalismus des 20.Jahrhunderts theoretisch zu erfassen. Die Theorie des Finanzkapitals von Rudolf Hilferding zum Beispiel ging davon aus, dass das Bankkapital mit dem Industriekapital zum Finanzkapital transformiert worden sei. Die Marxsche Theorie des Wertes wurde in eine Theorie der Macht verwandelt mit einem beschr\u00e4nkten bis irref\u00fchrenden Erkenntnisgewinn(1).Auch Lenin und der sogenannte Marxismus-Leninmus gerieten in eine theoretische Sackgasse. Die Marxsche Theorie wurde als eine Theorie des Konkurrenzkapitalismus des 19.Jahrhunderts missverstanden und nicht als eine\u00a0 allgemeine Darstellung der Grundstruktur der kapitalistischen Produktionsweise. Der Verflachungsprozess bei der Interpretation der Marxschen Theorie\u00a0 wurde insbesondere durch das Projekt Klassenanalyse nachgezeichnet(2).Stephan Kr\u00fcger stellt fest, dass die damals herrschende leninistische Doktrin von Imperialismus und Monopolkapitalismus v\u00f6llig ungeeignet war, den Charakter der Weltwirtschaftskrise 1929-32 zu erfassen (3). Eine realistische Einsch\u00e4tzung der damaligen Weltwirtschaftskrise w\u00e4re auf Basis einer ad\u00e4quaten Interpretation der Marxschen Theorie m\u00f6glich gewesen. Auch bestimmte Grundz\u00fcge der Theorie von Keynes h\u00e4tten es m\u00f6glich gemacht, zu einer realistischen Einsch\u00e4tzung und einer erfolgversprechenden Bek\u00e4mpfung der Weltwirtschaftskrise 1929-32 zu kommen. Wenn heute nicht der Weg \u00fcber die Marxsche Theorie beschritten wird und auch die Keynessche Theorie von Teilen der Linken beiseite geschoben wird, wird auch die Weltwirtschaftskrise 2008.ff kaum in den Verlauf der kapitalistischen Entwicklung eingeordnet werden k\u00f6nnen und wird auch eine theoretisch fundierte Einsch\u00e4tzung der Krise nicht gelingen.<\/p>\n<p>(1) Siehe hierzu Michael Wendl, Machttheorie oder Werttheorie, Hamburg 2013.<br \/>\n(2) Siehe hierzu Projekt Klassenanalyse, Leninismus-eine neue Stufe des wissenschaftlichen Sozialismus? Westberlin 1972.<br \/>\n(3) Siehe Stephan Kr\u00fcger, Politische \u00d6konomie des Geldes, Hamburg 2012, S.236<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu sollten die Marxsche Werttheorie und bestimmte Elemente der Keynesschen Theorie die Basis der Positionsbestimmung und die Grundlage f\u00fcr eine erfolgversprechende politische Strategie sein. Marx hatte bereits deutlich herausgearbeitet, dass der reife Kapitalismus durch eine chronische \u00dcberakkumulation gekennzeichnet ist. Das bedeutet, dass im Kapitalismus periodisch zu viele Waren produziert werden, die bei den gegebenen Einkommensverh\u00e4lt-nissen nicht abgesetzt werden k\u00f6nnen. Dieser Widerspruch l\u00f6st sich im Normalfall in der Krise, in der die gesellschaftliche Produktion und Ausgaben wieder aneinander angepasst werden. Im reifen Kapitalismus der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die \u00dcberakkumulation chronisch, das hei\u00dft, dass das Produktionspotenzial und die Einkommensverteilung so weit auseinanderklafften, dass auch in Aufschwungsphasen des industriellen Zyklus ein \u00dcberfluss an Kapital existierte, der nicht per se Anlage fand. Gewaltige Kapitalmengen suchten nun neue Gewinnm\u00f6glichkeiten im Finanzsektor. Es folgte die Herausbildung eines umfangreichen Netzes von Finanzinstituten (Hedgefonds, Equity-Fonds, Pensionsfonds etc.), das Wachstum (Akkumulation) von Geldkapital verl\u00e4uft seitdem dynamischer als das des realen Kapitals. Marx hatte bereits dargestellt, dass im reifen Kapitalismus alle Eigentumstitel als Finanz-produkte zirkulieren k\u00f6nnen und ihr Wertbetrag eine vom realen Kapital unabh\u00e4ngige Bewegung durchl\u00e4uft.\u201c Wenn wir also eine strukturelle oder chronische \u00dcberakkumulation feststellen k\u00f6nnen, dann schl\u00e4gt sich dies in einer fallenden Zinsrate nieder und liefert f\u00fcr den imagin\u00e4ren Reichtum der Eigentums-titel expansive Impulse.\u201c(4) In diesem Sinne finden wir auch Parallelen bei J.M.Keynes. Auch er stellt im reifen Kapitalismus eine \u00dcberreichlichkeit an Kapital fest, das in<\/p>\n<p>(4) Joachim Bischoff, Finanzgetriebener Kapitalismus, Zeitschrift Sozialismus 4\/14, S.57<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>die Spekulation flie\u00dft. Neben der \u00dcberreichlichkeit an Kapital wird bei Keynes noch eine zweite Parallele zu Marx er\u00f6ffnet. Keynes sieht auf lange Sicht die Verbrauchsnachfrage untergraben. Er begr\u00fcndet das mit einem psychologischen Gesetz, das dazu f\u00fchre, dass mit zunehmendem Einkommen der Anteil der Verbrauchsausgaben abnehme. Bei Marx sind es die Distributionsverh\u00e4ltnisse als Kehrseite der Produktions-verh\u00e4ltnisse, die f\u00fcr diese Abnahme verantwortlich sind. Laut Keynes ergeben sich somit ein Gegensatz von Produktion und Konsum und eine zunehmende Schwierigkeit, das gesamtwirt-schaftliche Besch\u00e4ftigungsniveau zu halten. Die L\u00fccke zwischen Einkommen und Verbrauch m\u00fcsse durch h\u00f6here Investitionsaus-gaben geschlossen werden. Dabei entsteht nach Keynes das Problem, dass langfristig auch die Veranlassung zur In-vestition eine fallende Tendenz habe. Marx und Keynes kommen, mit unterschiedlicher Begr\u00fcndung, zu dem Schluss, dass auf lange Sicht die Stabilit\u00e4t der kapitalistischen Produktions-weise durch ihre eigene Dynamik untergraben wird. Die Konse-quenz, die beide ziehen, ist allerdings gem\u00e4\u00df ihrer theore-tischen Ableitung unterschiedlich. W\u00e4hrend Keynes eine st\u00e4rke-re staatliche Regulierung der Investitionsentwicklung bef\u00fcr-wortet aber an der kapitalistischen Produktionsweise festhal-ten will, sieht Marx gerade die zugrunde liegenden Produk-tionsverh\u00e4ltnisse als Ursache der Probleme an und fordert daher eine Aufhebung der Gesetze der privaten Kapital-verwertung. Keynes will auf lange Sicht die Akkumulation des Geldkapitals der gesellschaftlichen Kontrolle unterwerfen. Marx geht einen Schritt weiter. Da die chronische \u00dcberakkumu-lation\u00a0 zu einer relativ verselbst\u00e4ndigten Entwicklung des Finanzwesens f\u00fchre, bed\u00fcrfe es eines tiefen Eingriffs sowohl in das Finanzwesen als auch in die Eigentumsverh\u00e4ltnisse der Produktion.<\/p>\n<p>Die aktuelle Entwicklung des Finanzkapitalismus und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr einen alternativen Entwicklungsweg(5).<br \/>\nDie Marxsche Theorie und bestimmte Elemente der Keynesschen Theorie bieten die Grundlage, aktuelle Entwicklungen besser zu verstehen und erfolgversprechende politische Alternativen vorzuschlagen. Wir haben es in den letzten Jahrzehnten mit einer Ausweitung des Finanzsektors und einer Expansion des Kredits zu tun (Finanzialisierung). Verschiedene Formen des Kredits und des Geldwesens beherrschen das Wachstum der realen Wirtschaft. Im Zentrum stehen gewaltige Fonds, die die Geschicke von Unternehmensteilen bzw. Gesamtunternehmen je nach Renditeerwartung bestimmen. Das \u00e4ndert allerdings nichts an den grundlegenden Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die die kapitalistische Produktionsweise charakterisieren. Die globale Flut an Geldkapital schl\u00e4gt sich an den Kapitalm\u00e4rkten nieder. Die niedrigen Zinsen, die durch die Politik der Notenbanken beg\u00fcnstigt werden, f\u00fchren zu Verm\u00f6gensblasen. Die Preise von Aktien, Immobilien etc. befinden sich auf einem historisch hohen Niveau, sodass es nun darum geht, die chronische \u00dcberakkumulation zu bek\u00e4mpfen, das Platzen einer Kreditblase zu verhindern und die \u00f6ffentlichen Finanzen zu konsolidieren. Die Widerspr\u00fcche der chronischen \u00dcberakkumulation haben sich so zugespitzt, dass ein alternativer Entwicklungsweg\u00a0 in Richtung einer gesellschaftlich gesteuerten \u00d6konomie gefunden werden muss.<br \/>\nKeynes langfristige Vision bestand darin, von einer Knapp-heits\u00f6konomie zu einer rational organisierten \u00dcberfluss-gesellschaft zu gelangen. Er benannte dabei wichtige Anfor-derungen, die zu erf\u00fcllen sind:<\/p>\n<p>(5) Siehe zu Folgendem: Joachim Bischoff, a.a.O. S.58-60<br \/>\nund Stephan Kr\u00fcger, Keynes und Marx, Hamburg 2012, S.279ff<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1. Eine gesellschaftliche Lenkung der Investitionen\u00a0 und Regulierung des Finanzsektors (National Investment Board) und eine internationale Kontrolle des Kapitalverkehrs.<br \/>\n2. Eine gleichm\u00e4\u00dfigere Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung.<br \/>\n3.Eine gesellschaftliche Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit.<br \/>\n4. Die F\u00f6rderung eines sinnvollen Konsums.<br \/>\n5. Keine Entfesselung des internationalen Wettbewerbs und die Schaffung einer Clearing Union als Vorstufe einer Weltwirtschaftsregierung.<br \/>\nViele Vorschl\u00e4ge von Keynes haben f\u00fcr einen alternativen Entwicklungsweg gro\u00dfe Bedeutung und k\u00f6nnen auch von Anh\u00e4ngern der Marxschen Theorie voll unterschrieben werden. Marx selbst hat wie kein anderer \u00d6konom auf die Bedeutung der rationalen Entwicklung des fixen Kapitals( Maschinerie etc) hingewiesen. Der Entwicklungsstand des fixen Kapitalstocks galt ihm als wesentliche Voraussetzung f\u00fcr eine h\u00f6here Form der gesell-schaftlichen Produktion und Verteilung. Die technische Ent-wicklung ist aber immer auch in ihrem Verh\u00e4ltnis zur zahlungsf\u00e4higen Nachfrage zu betrachten. Im Gegensatz zum Finanzkapitalismus bedeutet das die Beseitigung der gro\u00dfen Ungleichheiten bei den Einkommen und Verm\u00f6gen. Keynes muss insoweit widersprochen werden, als der Transformation der Eigentumsformen eine \u00fcberragende Bedeutung zukommt. Es geht, im Gegensatz zum historischen Staatssozialismus,\u00a0 darum, verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Eigentums zur Dominanz zu verhelfen, mit neu entwickeltem genossen-schaftlichem Eigentum als zentraler Eigentumsform. Ferner m\u00fcssen M\u00e4rkte und Preise als Allokationsinstrumente des Wirtschaftslebens f\u00fcr einen alternativen Entwicklungsweg genutzt werden. In einem derart gestalteten Marktsozialismus sind das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln, die Dispositionsgewalt \u00fcber Unternehmen und die Steuerung makro-\u00f6konomischer Gr\u00f6\u00dfen so zusammenzusetzen, dass die Dominanz nichtkapitalistischer Produktionsverh\u00e4ltnisse gew\u00e4hrleistet ist. Das Ziel ist eine bestimmte Form der\u00a0 Wirtschaftsdemokratie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag von Dr.Peter Behnen Die aktuelle Diskussion in der politischen Linken \u00fcber den Finanzkapitalismus ist gepr\u00e4gt durch die Auseinandersetzung, inwieweit die wirtschaftliche Entwicklung heute durch das Finanzkapital( Banken, Versicherungen, Hedge-Fonds, Equity-Fonds etc.) beherrscht wird oder nicht. Die These, der augenblickliche Kapitalismus sei finanzgetrieben, findet sich in verschiedenen systemkritischen Ans\u00e4tzen. 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