{"id":310,"date":"2014-05-19T12:40:45","date_gmt":"2014-05-19T10:40:45","guid":{"rendered":"http:\/\/linke-bw.de\/kv-breisgau\/?p=310"},"modified":"2014-05-19T12:40:45","modified_gmt":"2014-05-19T10:40:45","slug":"der-kapitalismus-bei-marx-piketty-und-bontrup","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linke-bw.de\/petersblog\/2014\/05\/19\/der-kapitalismus-bei-marx-piketty-und-bontrup\/","title":{"rendered":"Der Kapitalismus bei Marx, Piketty und Bontrup"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Dr.Peter Behnen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der \u00d6konom Thomas Piketty hat Furore gemacht. Sein Buch \u201e Kapital im 21. Jahrhundert\u201c wurde ein Bestseller, die amerikanische Ausgabe wurde von vielen englischsprachigen Publikationen nicht nur zur Kenntnis genommen sondern\u00a0\u00a0 viele Autoren widmeten Pikettys Thesen einen breiten Raum. Der Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr \u00d6konomie Paul Krugman zum Beispiel meint, das Buch werde unser Denken \u00fcber die Gesellschaft und \u00d6konomie nachhaltig ver\u00e4ndern.\u00a0 Auch deutsche Medien zogen inzwischen nach, obwohl das Buch erst im Oktober 2014 in deutscher Sprache erscheinen soll. Das Cover des Buches erinnert an \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx und der Altmeister des Neoliberalismus Hans-Werner Sinn stellt fest: \u201e Das Buch erinnert an Karl Marx, Piketty hat einen \u00e4hnlich\u00a0 emotionalen Schreibstil und er benutzt eine \u00e4hnliche Theorie.\u201c(1) \u00a0 Auch andere \u00d6konomen in der Bundesrepublik haben sich zu Wort gemeldet. Beispielsweise sei das Mitglied des Sachverst\u00e4ndigenrates Peter Bofinger genannt. In einem Spiegel-Interview wirft er Piketty vor, einer Reihe von Fehlschl\u00fcssen zu unterliegen und eine Theorie vorzulegen, in der Theorie und Empirie weit auseinanderklafften.(2)<!--more--><\/p>\n<p>Es ist somit auch eine wichtige Aufgabe der Linken, den Thesen von Piketty nachzugehen und zu \u00fcberpr\u00fcfen, inwieweit Pikettys Kapitalismusanalyse f\u00fcr eine fortschrittliche Politik nutzbar gemacht werden kann. Es gilt weiterhin zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob es gerechtfertigt ist, Pikettys Theorie in eine Reihe mit der Theorie von Karl Marx zu stellen.\u00a0 Dieser Aufgabenstellung will sich\u00a0 Heinz-J.Bontrup, der Mitglied der Memorandumgruppe ist, in seinem neuesten Text unterziehen.<\/p>\n<p>Heinz-J. Bontrup stellt im Anschluss an Thomas Piketty fest, \u201e dass die Renditen auf Verm\u00f6gens (Kapital)best\u00e4nde (r) schneller wachsen\u00a0 als die Wirtschaftsleistung , das Bruttoinlandsprodukt(g).\u201c(4) \u00a0 Daraus folge eine zunehmende Konzentration von Verm\u00f6gen bei Wenigen. Der langfristige Trend der Verm\u00f6gens- und Kapitalakkumulation bei Wenigen werde nur durch gro\u00dfe Kriege unterbrochen und auf lange Sicht werde der Kapitalismus seine Funktionsf\u00e4higkeit durch diesen Umverteilungsmechanismus zerst\u00f6ren. Bontrup folgt der Argumentation und sieht darin die Prognose von Marx best\u00e4tigt. \u201e Es kommt zu einer Stockung der Kapitalakkumulation und einem tendenziellen\u00a0 Verfall der Profitrate. Am Ende verlieren nach Marx auch die Kapitalisten.\u201c(5) \u00a0 Der Kapitalismus erstickt an seinem Reichtum einerseits und seiner Armut andererseits.<\/p>\n<p><strong>Die langfristige Entwicklung<\/strong><br \/>\nAus Sicht der Marxschen Theorie ist Piketty und damit auch Bontrup zuzustimmen, dass es darauf ankommt, langfristige Entwicklungstendenzen des Kapitalismus herauszuarbeiten und aktuelle Probleme der Kapitalakkumulation in diese Entwicklung einzuordnen. Es ist allerdings fraglich, ob Piketty und Bontrup diese Entwicklung ad\u00e4quat darstellen. Es ist ihnen zwar zuzustimmen, dass der Kapitalismus auf lange Sicht seine eigenen Grundlagen untergr\u00e4bt, die Begr\u00fcndung daf\u00fcr hat jedoch erhebliche Auswirkungen darauf, welche Konzepte zur L\u00f6sung der Probleme vorgeschlagen werden. Thomas Piketty argumentiert in erster Linie nicht \u00f6konomisch sondern politisch. \u201eIch behaupte, dass die Katastrophe, die wir f\u00fcrchten m\u00fcssen, nicht \u00f6konomisch ist, sondern politisch. Die Kapitalanh\u00e4ufung f\u00fchrt zu immer gr\u00f6\u00dferen Ungleichheiten in der Gesellschaft, die als Ungerechtigkeit empfunden werden und deshalb destabilisierend wirken\u2026Ohne rationale Rechtfertigung l\u00e4sst sich diese Ungleichheit nicht ertragen.\u201c(6)\u00a0 Heinz J.Bontrup h\u00e4lt Piketty jedoch entgegen, dass er in diesem Punkte irre. Er zeigt auf, dass es keine durchg\u00e4ngige Zunahme der Ungleichheit bei Einkommen und Verm\u00f6gen gegeben habe und f\u00fchrt beispielhaft die Entwicklung in der Bundesrepublik nach dem 2.Weltkrieg an.<\/p>\n<p>\u201e Der nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik entwickelte \u201esozialtemperierte Kapitalismus\u201c\u2026, auch als \u201erheinischer Kapitalismus\u201c oder als \u201esoziale Marktwirtschaft\u201c bezeichnet, war, wie auch in anderen wohlfahrtsstaatlichen Wachstumsl\u00e4ndern, die entscheidende Pr\u00e4misse f\u00fcr das bisherige \u00dcberleben des Kapitalismus\u2026\u201c(7)<\/p>\n<p>Laut Bontrup irrt Piketty ebenfalls, wenn unterstellt werde, nur Rentiers und Couponschneider lebten von der Arbeit anderer. Bontrup weist aus diesem Grunde auf die Arbeitswerttheorie hin. \u201e Die Arbeitswerttheorie, die Lehre von der Wertsch\u00f6pfung durch produktive Arbeit,\u2026wurde von William Petty begr\u00fcndet, von Adam Smith und David Ricardo weiterentwickelt, und dann mit der Theorie des absoluten und relativen Mehrwerts von Karl Marx vollendet.\u201c(8)<br \/>\nBontrup will damit zeigen, dass der kapitalistischen Produktionsweise die Produktion und Aneignung von Mehrwert inh\u00e4rent sei und nicht auf die Aneignung von Einkommen und Verm\u00f6gen durch Finanziers reduziert werden k\u00f6nne.<br \/>\nEs wird\u00a0 zu kl\u00e4ren sein, inwieweit Bontrup selbst eine verk\u00fcrzte Auffassung der Marxschen Werttheorie vorlegt und bei ihm die Marxsche Ableitung von Bewu\u00dftseinsformen der im Wirtschaftsprozess Handelnden ganz unter den Tisch f\u00e4llt. Festzuhalten bleibt, dass Bontrup es Piketty als gro\u00dfen Verdienst anrechnet durch seine umfangreiche und akribische Zusammenstellung der Daten\u00a0 der Einkommens-und Verm\u00f6gensentwicklung verifiziert habe, dass die Kluft zwischen Armen und Reichen immer gr\u00f6\u00dfer werde, obwohl er dabei wichtige Erkl\u00e4rungen schuldig bleibe.<\/p>\n<p>F\u00fcr Bontrup ist zu kl\u00e4ren, weshalb die abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten die ungleiche Verteilung dulden und es akzeptieren, \u201e dass sie nicht den vollen Wert ihrer Arbeit erhalten und ihnen die Unternehmer( Kapitaleigner) t\u00e4glich mit dem unterstellten Leistungsprinzip suggerieren k\u00f6nnen, einen angeblich \u201egerechten Lohn\u201c f\u00fcr ihre Arbeit zu erhalten.\u201c (9) Bontrup hatte ja bereits angedeutet, dass er den Aufbau des Wohlfahrtsstaates f\u00fcr den entscheidenden Grund h\u00e4lt, der dem Kapitalismus das \u00dcberleben sicherte. Nun f\u00fchrt er weitere Gr\u00fcnde an. Die totale Abh\u00e4ngigkeit der Arbeitnehmer und die Befehlsstruktur in den Unternehmen seien erstens f\u00fcr das Stillhalten der Arbeitnehmer verantwortlich. Es komme zweitens hinzu, dass die unternehmerische Freiheit verfassungsrechtlich gesch\u00fctzt sei. Drittens erbringe die Bildungspolitik nicht die soziale Durchl\u00e4ssigkeit, die dem Arbeitnehmer einen entsprechenden Aufstieg erm\u00f6gliche. \u201e Die kapitalistischen Apologeten, sagen (versprechen) uns aber st\u00e4ndig anderes. Hier kann jeder aufsteigen, der mit Leistung im Wettbewerb besticht. Dabei st\u00f6ren sie auch nicht die in der wirtschaftlichen Realit\u00e4t existierende Marktmacht und ihr Machtmissbrauch.\u201c(10)<\/p>\n<p>An dieser Stelle schl\u00e4gt durch, dass Bontrup einen verk\u00fcrzte bis falsche Auffassung der Marxschen Theorie des Wertes vertritt. Abgesehen davon, dass es unzul\u00e4ssig ist, die Marxsche Werttheorie in eine Reihe mit den sogenannten Arbeitswerttheoretikern\u00a0 Petty, Smith und Ricardo zu stellen, f\u00e4llt auf, dass er es unterl\u00e4sst, klar zwischen dem Wert der Arbeit und dem Wert der Arbeitskraft zu unterscheiden. Marx hatte selbst darauf hingewiesen, wie wichtig diese Unterscheidung ist und welche entscheidende Bedeutung der Form des Arbeitslohnes f\u00fcr das Bewusstsein des Arbeiters wie des Kapitalisten zukommt. Im \u201eKapital\u201c formuliert Marx: \u201e Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohnes\u00a0\u00a0 oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verh\u00e4ltnis unsichtbar macht und gerade sein Gegenteil zeigt, beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulg\u00e4r\u00f6konomie.\u201c(11) \u00a0 Die Form des Arbeitslohnes\u00a0 l\u00f6scht die Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit und damit die Herkunft des Mehrwerts aus. Marx zeigt dar\u00fcber hinaus noch an verschiedenen anderen Stellen des \u201eKapital\u201c, dass der Unterschied von variablem und konstantem Kapital mystifiziert ist und an der Oberfl\u00e4che der Gesellschaft der Schein entsteht, der geschaffenen Wert entstamme aus der Trinit\u00e4t der Produktionsfaktoren von Boden, Arbeit und Kapital. Diese Mystifikationen, die der Struktur des Kapitalismus entspringen, werden von Bontrup zu einer Machttheorie umgedeutet.\u00a0 Es sind dann die Manipulationen und die Macht\u00a0 der Kapitalvertreter, der Politik, der Medien und der Justiz, die f\u00fcr das falsche Bewusstsein verantwortlich sind. Es ist zwar nicht zu bezweifeln, dass diese Instanzen versuchen, den Kapitalismus durch ihre Ideologie zu st\u00fctzen, doch das ist, wenn auf Basis der Marxschen Theorie argumentiert wird, nur m\u00f6glich, weil die Struktur des Kapitalismus immer wieder die genannten Mystifikationen hervorbringt und damit die Grundlage f\u00fcr diese Bewu\u00dftseinsentwicklung bietet. Es ist hier anzumerken, dass auch Bontrup das oben angegebene Zitat von Marx in seiner Auseinandersetzung mit der Lehre von den Produktionsfaktoren bzw. der neoklassischen Grenzproduktivit\u00e4tstheorie anf\u00fchrt. Das bleibt aber folgenlos f\u00fcr seine Bestimmung des Bewusstseins der Produktionsagenten. Bontrup wirft Piketty zwar mit Recht vor,\u00a0 keine Gr\u00fcnde f\u00fcr die Akzeptanz der ungleichen Verteilung in der Gesellschaft zu benennen, er selbst bringt es jedoch nur dazu, zusammenhanglos verschiedene machttheoretische Argumente nebeneinander zu stellen.<\/p>\n<p><strong>Politisch-\u00f6konomische Perspektiven<\/strong><br \/>\nDie langfristige Entwicklungstendenz des Kapitalismus hatte Piketty als Tendenz der Einkommens- und Verm\u00f6gensungleichheit beschrieben und vorhergesagt, dass in Zukunft mit einer gro\u00dfen Destabilisierung der Wirtschaftsordnung zu rechnen sei. Bontrup argumentierte zus\u00e4tzlich mit dem tendenziellen Fall der Profitrate als entscheidende Ursache f\u00fcr den Niedergang des Kapitalismus. Aus seiner Sicht h\u00e4ngt die Zukunft des Kapitalismus vom Verlauf der Profitrate ab. Die Weltwirtschaftskrise 1974\/ 75 und der Siegeszug des Neoliberalismus seien nur so zu erkl\u00e4ren. \u201e Die Kapitaleigent\u00fcmer waren seit der Weltwirtschaftskrise 1974\/75 nicht mehr bereit ihre immer mehr unter Druck geratene und sinkende Profitrate zu akzeptieren.\u201c (12) Bei dieser Argumentation\u00a0 ist aus der Sicht der Marxschen Theorie eine zweifache Kritik angebracht. Piketty ist vorzuwerfen, dass er die Verteilungsebene nicht als Kehrseite der Produktionsverh\u00e4ltnisse begreift und somit auch keinen Beitrag zur Einsch\u00e4tzung der langfristigen Entwicklung der Kapitalakkumulation leisten kann. Bontrup versucht diesen Weg zu gehen, scheitert aber wegen seiner verk\u00fcrzten Interpretation der Marxschen Theorie und der dort abgeleiteten Bewu\u00dftseinsformen der Produktionsagenten. Das Ergebnis ist eine voluntaristische Erkl\u00e4rung der Weltwirtschaftskrise 1974\/\/75 und des weiteren Verlaufes der \u00f6konomischen Entwicklung bis heute.<br \/>\nDemgegen\u00fcber liegen seit einigen Jahren alternative Interpretationen der Marxschen Theorie und auch der Einsch\u00e4tzung der Krisenentwicklung bis heute vor.(13)<br \/>\nIm Gegensatz zu Thomas Pikettys Ausf\u00fchrungen und der Interpretation der Marxschen Theorie bei H.J.Bontrup sollten die Marxsche Theorie des Wertes und bestimmte Elemente der Keynesschen Theorie die Grundlage der Analyse des heutigen und zuk\u00fcnftigen\u00a0 Kapitalismus sein. Dabei ist unter Werttheorie nicht eine reine Ausbeutungstheorie zu verstehen, wie es offensichtlich\u00a0 von H. J. Bontrup verstanden wird. Unter der Marxschen Werttheorie wird im Gegensatz dazu die Darstellung der Art und Weise verstanden, in der die gesellschaftlich notwendige Arbeit im Kapitalismus sich im Wert der Waren\u00a0 niederschl\u00e4gt\u00a0 und auf die verschiedenen Produktionssph\u00e4ren entsprechend der zahlungsf\u00e4higen gesellschaftlichen Nachfrage verteilt wird. Marx selbst hatte sich zu seiner Zeit immer wieder\u00a0 mit dem Problem konfrontiert gesehen, dass seine Werttheorie auf Unverst\u00e4ndnis stie\u00df. In einem Brief an Kugelmann schrieb er 1868:<\/p>\n<p>\u201e Das Geschw\u00e4tz \u00fcber die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollst\u00e4ndiger Unwissenheit, sowohl um die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Dass jede Nation verrecken w\u00fcrde, die, ich will nicht sagen f\u00fcr ein Jahr, sondern f\u00fcr ein paar Wochen die Arbeit einstellte, wei\u00df jedes Kind. Ebenso wei\u00df es, dass die den verschiedenen Bed\u00fcrfnismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedne und quantitativ bestimmte Massen der der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Dass diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise \u00e4ndern kann, ist self-evident. \u2026Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.\u201c(14)<\/p>\n<p>In eine so verstandene Theorie des Wertes sind eingeschlossen, die Analyse der Produktion und Akkumulation des Kapitals, der Grundbestimmungen der Konkurrenz und des Konjunkturzyklus und die Bestimmungen des Kredits sowie die Art und Weise, in der sich die Bestimmungen des Wertes durch das Handeln der am Wirtschaftsprozess Beteiligten durchsetzt.(15)\u00a0 Dabei ist zwischen beschleunigter Akkumulation des Kapitals und chronischer \u00dcberakkumulation zu unterseiden, um die heutige Entwicklung ad\u00e4quat erfassen zu k\u00f6nnen. All das ist bei Thomas Piketty nicht gegeben, wird aber auch nicht durch H. J. Bontrup eingefordert.\u00a0 Marx hatte bereits f\u00fcr den reifen Kapitalismus herausgearbeitet, dass es zu einer chronischen \u00dcberakkumulation kommen m\u00fcsse. Diese Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass der Fall der Profitrate des industriellen Kapitals nicht mehr durch eine Steigerung der Profitmasse aufgrund der beschleunigten Kapitalakkumulation kompensiert bzw. \u00fcberkompensiert werden kann. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die \u00dcberakkumulation chronisch, das Produktonspotenzial und die Einkommensverteilung klafften so weit auseinander, dass auch in Aufschwungsphasen des industriellen Zyklus ein \u00dcberfluss an Kapital existiert, der nicht per se Anlage findet. Gewaltige Kapitalmengen suchten und fanden Anlagem\u00f6glichkeiten im Finanzsektor. Das war verbunden mit der Herausbildung eines umfangreichen Netzes von Hedgefonds, Equity-Fonds, Pensionfonds etc. Joachim Bischoff stellt deswegen im Anschluss an Marx fest: \u201e Wenn wir also eine strukturelle oder chronische \u00dcberakkumulation feststellen k\u00f6nnen, dann schl\u00e4gt sich dies in einer fallenden Zinsrate nieder und liefert f\u00fcr den imagin\u00e4ren Reichtum der Eigentumstitel expansive Impulse.\u201c(16)<\/p>\n<p>In diesem Sinne finden wir bei J.M.Keynes Parallelen zur Marxschen Theorie. Auch Keynes stellt f\u00fcr den reifen\u00a0 Kapitalismus eine \u00dcberreichlichkeit an Kapital fest, das in die Spekulation flie\u00dft und auf lange Sicht die Stabilit\u00e4t des Kapitalismus gef\u00e4hrdet. Es kommt bei Keynes hinzu, dass die Verbrauchernachfrage untergraben wird und auch die sogenannte Grenzleistungsf\u00e4higkeit des Kapitals (Verwertungsrate) in die N\u00e4he des Zinssatzes zu sinken droht mit entsprechenden Auswirkungen auf die Investitionsneigung. Sowohl Marx als auch Keynes kommen in der Konsequenz zu dem Schluss, dass auf lange Sicht der Kapitalismus seine eigene Dynamik untergr\u00e4bt, wobei beide unterschiedliche Begr\u00fcndungen und auch unterschiedliche L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge anbieten .Thomas Piketty hingegen schlie\u00dft weder an Marx noch an Keynes an und kommt nur zu der Feststellung, dass das gesellschaftliche Verm\u00f6gen im Kapitalismus immer ungleicher verteilt wird. Er hat keine grunds\u00e4tzlichen Vorbehalte\u00a0 gegen den Kapitalismus als Wirtschaftsform und meint, durch eine umfassende und progressive Verm\u00f6genssteuer die Probleme dieser Wirtschaftsordnung l\u00f6sen zu k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eDie ideale L\u00f6sung\u2026w\u00e4re eine weltweite progressive Steuer auf individuelle Verm\u00f6genswerte. Diejenigen, die gerade erst anfangen, w\u00fcrden sie nicht bezahlen, w\u00e4hrend diejenigen mit Milliarden viel entrichten m\u00fcssten.\u201c(17)<br \/>\nH.J. Bontrup stimmt diesem Vorschlag zu, glaubt jedoch nicht daran, dass das die L\u00f6sung der Probleme bringen wir. \u201e Dies ist zwar als ein erster richtiger Schritt zu begr\u00fc\u00dfen, aber dennoch v\u00f6llig unzureichend zur \u201eZ\u00e4hmung\u201c des kapitalistischen Systems.\u201c (18)\u00a0 Er weist darauf hin, wie schwer es ist, allein\u00a0 Steuererh\u00f6hungen durchzusetzen geschweige denn weitergehende Forderungen. \u201eWenn allerdings nicht einmal mehr Steuererh\u00f6hungen auf gro\u00dfe Verm\u00f6gen und Einkommen m\u00f6glich sind, wie soll dann erst eine zur wirklichen Beseitigung der kapitalistischen Fehlkonstruktionen notwendige Etablierung einer umfassenden Wirtschaftsdemokratie durchgesetzt werden?\u201c(19)\u00a0 Bontrup stellt zu Recht fest, dass dies schon nicht mehr das Anliegen Pikettys ist. Dass es aber sein Anliegen ist, hat er an verschiedenen Stellen bereits deutlich gemacht. Beispielhaft sei seine Besprechung des \u201eManifestes der entsetzten \u00d6konomen genannt.\u201c(20)\u00a0 An dieser Stelle hatte er bereits Forderungen benannt, die unbedingt durch eine alternative Wirtschafts- und Geldpolitik zu verwirklichen sind. Allerdings war schon hier zu bem\u00e4ngeln, dass der innere Zusammenhang der Forderungen unzureichend aufgezeigt wurde und die Forderung, eine Wirtschaftsdemokratie zu verwirklichen, unvermittelt an den Forderungskatalog angeh\u00e4ngt wurde. Die Begr\u00fcndung f\u00fcr diese Forderung wurde von Bontrup damals nicht aus den Widerspr\u00fcchen der kapitalistischen Produktionsweise abgeleitet. Das war auch nicht verwunderlich, weil er nur von der Verteilungsseite her argumentierte und die Verteilung nicht als Kehrseite der Produktionsverh\u00e4ltnisse betrachtete. Das ist in seiner Kritik an Piketty nur bedingt anders. Er rekurriert zwar auf den tendenziellen Fall der Profitrate, aber eine Argumentation mit einer strukturellen \u00dcberakkumulation er\u00f6ffnet er sich dadurch noch nicht. Eine stringente Ableitung von politischen Forderungen aus den Widerspr\u00fcchen des heutigen Kapitalismus ist ihm deshalb nicht m\u00f6glich und die Forderung, eine Wirtschafsdemokratie zu verwirklichen, taucht auch hier ziemlich unvermittelt auf. Trotzdem muss seine Kritik an Piketty innerhalb der Linken\u00a0 als Anlass genommen werden, \u00fcber eine Vielzahl von \u00dcbergangsforderungen, einschlie\u00dflich der Forderung nach einer Verm\u00f6genssteuer, zu diskutieren, die die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, einen alternativen Entwicklungsweg in Richtung einer gesellschaftlich gesteuerten \u00d6konomie zu finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1. H.W.Sinn, Thomas Pikettys Weltformel,www.faz\/net\/wirtschaft\/ und weitere Links S.1<\/p>\n<p>2.Peter Bofinger, Spiegel Nr.23\/2014 S.73<\/p>\n<p>3.Alle Zitate von H.J.Bontrup entstammen dem Text:Pikettys Kapitalismus-Analyse,pad-Verlag, Bergkamen 2014.<\/p>\n<p>4.H.J.Bontrup a.a.O. S.5<\/p>\n<p>5.a.a.O. S.7<\/p>\n<p>6. Thomas Piketty, Spiegel Nr.19\/2014, S.65f<\/p>\n<p>7. H.J.Bontrup a.a.O. S.9<\/p>\n<p>8. a.a.O.S.10\/11<\/p>\n<p>9. a.a.O. S.13<\/p>\n<p>10. a.a.O. S.16<\/p>\n<p>11. Karl Marx, Das Kapital Bd.1, MEW 23, S.562<\/p>\n<p>12. H.J.Bontrup a.a.O.S.36<\/p>\n<p>13. Siehe u.a. Stephan Kr\u00fcger, Allgemeine Theorie der Kapitalakkumulation, Hamburg 2010 und Joachim Bischoff, Finanzgetriebener Kapitalismus, Sozialismus 4\/14, Hamburg 2014.<\/p>\n<p>14. Briefe \u00fcber &#8222;Das Kapital&#8220; Marx an Kugelmann, Berlin 1954, S.184<\/p>\n<p>15.Siehe Stephan Kr\u00fcger, Allgemeine Theorie der Kapitalakkumulation, Hamburg 2010.<\/p>\n<p>16. Joachim Bischoff, a.a.O.S.57<\/p>\n<p>17. Thomas Piketty, Globale Ungleichheit, www.ipg-journal.de\/ und weitere Links S.1<\/p>\n<p>18. H.J.Bontrup a.a.O: S.54<\/p>\n<p>19. a.a.O.S.55<\/p>\n<p>20.Siehe Askenazy u.a. Emp\u00f6rte \u00d6konomen, pad-Verlag,Bergkamen 2011.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag von Dr.Peter Behnen &nbsp; Der \u00d6konom Thomas Piketty hat Furore gemacht. Sein Buch \u201e Kapital im 21. Jahrhundert\u201c wurde ein Bestseller, die amerikanische Ausgabe wurde von vielen englischsprachigen Publikationen nicht nur zur Kenntnis genommen sondern\u00a0\u00a0 viele Autoren widmeten Pikettys Thesen einen breiten Raum. 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