
Sehr geehrter Herr Landrat, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich möchte meine Rede mit einer Zahl beginnen: 86 Mio. 86 Mio. Euro, das sind die Einsparungen die der Bund nun beim Bürgergeld vornimmt – das sind sage und schreibe 9,38% – ich hab sogar noch aufgerundet – 9,38% unseres Haushaltes hier im beschaulichen Landkreis Esslingen. Die Union hat im Wahlkampf noch von 13 Mrd. phantasiert, was ja nicht das einzige Wahlkampfversprechen war, welches sich schon schnell nach der Wahl in Luft aufgelöst hat. Wegen diesen 86 Mio. € – ich sag es nochmal 9,38% unseres Haushalts – führen wir seit rund einem Jahr in der gesamten Republik tag ein tag aus, in jeder Talkshow, eine unsägliche und teils diskriminierende Debatte über von Armut betroffene Menschen. Und ja sicherlich gibt es einige Menschen, welche die Solidarität der Gesellschaft ausnutzen – es sind laut Statistiken der Bundesagentur für Arbeit ganze 17.000 Fälle – die sogenannten Totalverweigerer – also 0,4% der Menschen im Bürgergeld.
Man könnte nun sagen, mit dieser faktischen Einordnung kann man die Diskussion ums Bürgergeld ad acta legen.
Doch dieses permanente Befeuern – und ja ich sage es mal ganz deutlich und plakativ – dieser Klassenkampf von oben – ist ein perfides Ablenkungsmanöver von den wirklichen „Totalverweigerern“ in diesem Land: So gehen dem Staat jährlich rund 100 Mrd. Euro aufgrund von Steuerhinterziehung verloren. Höre ich da mal etwas von CDU oder FDP? Von der AfD mal ganz zu schweigen, eure Parteivorsitzende wohnt ja nicht ohne Grund in der Schweiz, aber das ist ein ganz eigenes Thema. Es ist schlichtweg so, dass wir ein Einnahmeproblem auf Bundes- und Landesebene haben, welches durch einen Systemwechsel in der Steuerpolitik behoben werden kann.
Und ich werde nicht müde das zu betonen, wir müssen endlich die Vermögenssteuer wiedereinführen und die Erbschaftssteuer reformieren. Gerade die Vermögenssteuer hat gesamtgesellschaftlich eine Zustimmung von 70% (bei CDU Wählern 65%). Dies würde substanziell was an der Einnahmeseite verändern – nach unseren Plänen 108 Mrd pro Jahr. Und das gute ist – und damit komme ich nun auf die kommunale Finanzsituation – die Einnahmen würden den Ländern zufließen und damit auch den Landkreisen und Kommunen. Das Geld kommt da an, wo es am dringendsten gebraucht wird: für bezahlbaren Wohnraum, ÖPNV, Gesundheitsversorgung, Sanierung von Freibädern und Schulen, Kunst und Kultur vor Ort.
Ohne Zweifel, aktuell haben wir eine kommunale Finanzierungskrise, wie sie in der Geschichte der Bundesrepublik wohl selten bis gar nicht vorgekommen ist.
Es wurde schon viel über die Gründe gesagt und ich möchte das auch für unsere Fraktion klarstellen: Die seit Jahren wachsenden Aufgaben im sozialen Bereich von Bund und Land müssen endlich finanziell honoriert werden! Wenn hier nicht eine grundsätzliche Änderung stattfindet, bricht die öffentliche Daseinsvorsorge und damit das Vertrauen in Staat und Demokratie zusammen. Und wie sowas dann auf Landkreise Ebene aussieht kann man an unserem Nachbarkreis Göppingen sehen. Dort sollen 15 Mio. € gekürzt werden und wichtige Leistungen wie die Suchthilfe, die Psychologischen Beratungsstellen, Schulsozialarbeit oder Pflegeberatung stehen vor dem Aus.
Nun kritisiere ich an dieser Stelle ja immer gerne und viel – meist ja auch zurecht wie ich finde. Jedoch möchte ich diesbezüglich auch mal lobende Worte finden und bin Ihnen – Herr Landrat – dankbar, dass Sie gerade nicht nach dem Beispiel Göppingen verfahren. Massive Einschnitte in die freiwilligen Leistungen – gerade im sozialen Bereich – sorgen am Ende gesellschaftlich und volkswirtschaftlich für noch viel größere Kosten die Jahre später auf uns zurück schlagen. Und wie Sie auch richtig gesagt haben, wären diese Kürzungen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir erkennen auch den Personalstopp als eine Maßnahme an, Einsparungen vorzunehmen. Das Grundproblem ist und bleibt die mangelhafte Finanzierungstruktur der kommunalen Ebene!
Deshalb braucht es endlich eine sofortige Altschuldenregelung für überschuldete Kommunen. Auch die steigenden Pflegekosten – die übrigens viel größere Löcher in die Haushalte reisen als das Bürgergeld – müssen mit einer solidarischen Pflegevollversicherung finanzierbar gemacht werden. Ohne handfeste Unterstützung drohen viele Landkreise und Kommunen den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir brauchen deshalb eine echte Zeitenwende in der Kommunalfinanzierung.
Angesichts dieser Umstände ist eine moderate Erhöhung der Kreisumlage um 0,9 Punkte mit Blick auf die ebenfalls schlechte finanzielle Situation der Kommunen durchaus nachvollziehbar. Die kommunale Familie muss zusammenstehen, denn das Problem nicht bei Kommune X und Landkreis Y, sondern wie gesagt auf Landes- und Bundesebene.
Trotz dieser angespannten finanziellen Situation ist für uns als Fraktion eines klar: Das darf auf keinen Fall das Ende von Kommunalpolitik und unserer demokratischen Pflicht sein, als gewählte Vertreterinnen und Vertreter aufgrund von Sachzwängen die Verhältnisse im Landkreis nicht mehr zu gestalten – so wie das die CDU jetzt vorhat. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten weiterhin, dass wir auf die Probleme vor Ort reagieren – auch notfalls mit weiteren finanziellen Investitionen und Mitteln dort wo es auch nötig ist.
Deshalb wollen wir den Landkreis weiter sozialer, ökologischer und inklusiver machen.
Als Linke wollen wir weiterhin das Thema bezahlbarer Wohnraum hier in die Diskussion bringen. Nun sind ist es ja kein Geheimnis, dass uns eine kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft wie im Rems-Murr-Kreis vorschwebt um das Problem wirklich substanziell anzugehen, wir wissen aber auch, dass die aktuelle finanzielle Situation sowas nicht hergibt. Aber es gibt auch einfachere Möglichkeiten für günstigen Wohnraum im Landkreis zu sorgen. Im Magazin Wirtschaft der IHK las ich einen Artikel über das Comeback von Mitarbeiterwohnungen mit der passenden Überschrift „Suche Fachkraft, biete günstige Wohnung“. In Zeiten von Mietenkrise und Fachkräftemangel wäre dies tatsächlich ein Schritt zwei Fliegen mit einer Klatsche zu schlagen. Deshalb stellen wir den Antrag, dass die Wirtschaftsförderung des Landkreises sich diesem Thema widmet sich zusammen mit Wohnungsbaugesellschaften, Kommunen und Unternehmen auf den Weg zu mehr bezahlbarem Wohnraum macht.
Eine weitere Baustelle ist die aktuelle Situation im öffentlichen Nahverkehr, die wir sehr kritisch sehen. Neben der Streichung der Expressbuslinien X4 und X7 stehen auch massive Kürzungen im Linienbündel 4 an. Konkret geht es um die Buslinien 119-130, welche Esslingen mit den östlichen Fildern verbindet. Eine Online Petition gegen die Kürzungen hat schon rund 1600 Unterschriften. Wir appellieren deshalb an die zuständigen Kommunen, trotz den knappen Kassen Geld in Zubestellungen zu investieren, um den Status Quo – der alles andere als perfekt ist – zumindest aufrecht zu erhalten! Denn die Kürzungen treffen nicht nur den Berufsverkehr, sondern insbesondere auch Seniorinnen und Senioren, Schüler:innen, Auszubildende, Menschen mit Behinderung und alle Pendlerinnen und Pendler im Landkreis. Neben einem aktuellen Sachstand fordern wir, dass der Landkreis nochmals proaktiv auf die Kommunen zugehen und in Verhandlungen treten soll. Der Rückzug von einem attraktiven und verlässlichen Nahverkehr widerspricht den Zielen zur Förderung nachhaltiger Mobilität, einer zuverlässigen Daseinsvorsorge und ist aus wirtschaftlicher Perspektive ein Rückschritt, denn auch viele Unternehmen profitieren von einer guten verkehrlichen Infrastruktur. Jetzt kann man natürlich auf die finanzielle Situation verweisen, doch gerade dies ist unserer Meinung nach seit der Möglichmachung einer Nahverkehrsabgabe kein Totschlagargument mehr. Deshalb soll der Landkreis die Reantabilität eines kreisweiten Mobilitätspasses prüfen und diesen bei entsprechend positivem Ergebnis einführen! So können wir auch in Zukunft und gerade angesichts knapper Kassen einen attraktiven öffentlichen Nahverkehr finanzieren.
Außerdem wollen wir Carsharing im Landkreis voranbringen. Aktuell konzentrieren sich die Angebote nur auf die großen Kreisstädte, obwohl ja gerade auch im ländlichen Raum bisher unerschlossenes Potenzial schlummert. Wenngleich wir wissen, dass der Landkreis dafür nicht genuin in der Verantwortung ist, soll die Verwaltung zusammen mit den Kommunen eine Strategie zur Erschließung des Landkreises erstellen und hier als Vernetzer und Initiator tätig werden.
Weiterhin ist für uns Inklusion ein wichtiges Thema. Deshalb beantragen wir, dass bei der Erbauung des SBBZ am Säer auch gleich Kurzzeitpflegeplätze mit Nachtwache integriert werden. Denn leider mangelt es seit Jahren daran und die Belastung von betroffenen Eltern ist unerträglich – genauso wie der Stillstand in dieser Frage. Die Vorteile liegen auf der Hand: die Integration in ein SBBZ bietet die Möglichkeit, Einrichtungen wie Therapieräume, Schwimmbäder mitzunutzen, vor allem am Wochenende. Die räumliche Nähe zu den Medius-Kliniken ermöglicht im Notfall medizinische Versorgung. Was die zentrale Lage und Erreichbarkeit im Landkreis angeht, war dies ja eines der Hauptargumente bei der Auswahl des Geländes in Nürtingen für das geplante SBBZ. Es gibt also eine Fülle von Argumenten, dieses Thema auf diese Weise offensiver anzugehen, um einen lange bestehenden Mangel sinnvoll zu beheben und mit anderen Landkreisen gleichzuziehen.
Außerdem soll die Verwaltung bei der internen Beschaffung – wo es sich anbietet – auf Produkte der Werkstätten für Menschen mit Behinderung im Landkreis zurückgreifen. Die öffentliche Hand kann so mit gutem Beispiel voran gehen und die Werkstätten vor Ort unterstützen.
Ja die Wirtschaftsregion steht vor einem Umbruch und großen Herausforderungen. Doch anstatt einer staatlichen Industriepolitik aus einem Guss und Festlegung auf Elektromobilität, haben vor allem Managementfehler und fehlende Lenkung dazu beigetragen, dass nun Arbeitsplätze gestrichen und die Wirtschaftskraft in der Region leidet. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht auf Rüstung zu setzen. Da bin ich ja sehr überrascht, dass gerade die AfD – die ja sich selbst als Friedenspartei bezeichnet – nun so für eine Umstellung auf Rüstung plädiert. Da erkennt man ihre ganze Heuchelei bei diesem Thema. Abgesehen von der ganzen dahinterliegenden Frage der Außenpolitik, möchte ich ökonomische Gründe dagegen anbringen: Rüstungsproduktion schafft volkswirtschaftlich nur einen geringen und vor allem kurzfristigen Mehrwert. Da der Rüstungssektor über keine klassische Konsum- und Nachfragekette verfügt, sondern von Staatsaufträgen und geopolitischen Entwicklungen abhängig ist, findet automatisch eine Sättigung statt, welche nur noch über Nutzung des Materials in kriegerischer Auseinandersetzung oder Rüstungsexporten ins Ausland umgangen werden kann. Beides sind politische Ziele welche wir als Fraktion strikt ablehnen. Unternehmen, die nun aufgrund der Aussetzung der Schuldenbremse in die Rüstungsproduktion einsteigen, können höchstens kurzfristige Gewinne einfahren, die einer langfristigen Unternehmensstrategie – und damit den Zielen der Wirtschaftsförderung – widersprechen. Dadurch entstehen Kosten bei der Umstellung der Produktion, welche in Gefahr laufen nicht wieder refinanziert werden zu können. Deshalb stellen wir den Antrag, dass die Wirtschaftsförderung des Landkreises keine Beratungen für die Expansion von Firmen in die Rüstungsindustrie durchführT.
Zum Schluss möchte ich mich noch bei der Verwaltung bedanken, die diesen Haushalt unter besonderen und eher schwierigen Rahmenbedingungen erstellt hat. Wir als Die Linke sind gespannt auf die Diskussionen in den Ausschüssen und werden weiterhin darauf Druck machen, dass der soziale Zusammenhalt trotz finanzieller Engpässe bestehen bleibt – denn dieser Grundsatz sollte uns allen bei den diesjährigen Haushaltsdebatten leiten. Dankeschön!








