Respekt und Kritik

04. November 2019  Kultur, Reden

Stellungnahme von Dr. Erhard Jöst (Die Linke) zur Heilbronner Kulturpolitik anlässlich der Jahresberichte vom Theater, von der Musikschule und der Stadtbibliothek, Oktober 2019

1. Theater HN:

Stellungnahme zu dem Jahresbericht des Heilbronner Theaters:

Respekt: Viele Projekte haben Format, sind anspruchsvoll und haben eine hohe Qualität, zum Beispiel die Veranstaltungsreihe „Erinnerung ist die Liebe zur Zukunft“.

Das Theater hat maßgeblich zur Verbesserung des Kulturstandorts Heilbronn beigetragen. Wichtig und richtig ist auch, dass mit anderen Einrichtungen zusammengearbeitet wurde (mit dem Württembergischen Kammerorchester bei der Aufführung der Mozart-Oper auf der BuGa, bei der neuen Veranstaltungsreihe mit dem Arthauskino etc. Also: Höchstes Lob für diese Arbeit!) Auch das Theaterfrühstück, bei dem die bevorstehenden Premiere vorgestellt werden, ist ein tolles Angebot.

Zu begrüßen ist zudem, dass man Themen und Theaterstücke ins Programm nimmt, die an den Gymnasien auf dem Lehrplan stehen („Sternchenthemen“). So bekommt man auch die Jugendlichen ins Theater.

Aktuelle Schwerpunkt-Themen sind gelungen. Beim Thema „30 Jahre Deutsche Einheit“ gab es eine hervorragende Podiumsdiskussion.

Ein Lob auch für Werbung und Kommunikation, z.B. ist das Programm-Buch für die Theater-Spielzeit immer überaus lesenswert.

Erfreulich ist auch die Steigerung der Zuschauerzahl gegenüber dem Vorjahr (fast 6000) und die gute Auslastung des Komödienhauses.

Dennoch muss auch Kritik vorgetragen und müssen Verbesserungen angemahnt werden.

Es gibt so gut wie keine Zusammenarbeit mit den freien Kulturschaffenden und Amateurgruppen, beispielsweise dem Kabarett GAUwahnen. Dieses Ensemble ist ja nicht in seinen Anfängen, sondern existiert seit über 30 Jahren, tritt auf Festivals auf und ist mit nationalen Preisen ausgezeichnet. Die Nacht der deutschen GemEinheit (das Format wird inzwischen sogar in Deutschland kopiert!) hätte gut in die Reihe zur deutschen Einheit gepasst und auch die Möglichkeit gegeben, unsere Partnerstadt Frankfurt/Oder und das dort ansässige Kabarett „Die Oderhähne“ einzubeziehen.

Wenn Vorschläge an Sie herangetragen, Herr Intendant Vornam, dann erfolgt noch nicht einmal eine Rückmeldung, was ein Affront darstellt. Beispiel: Mein freundlicher Hinweis auf Herbert Asmodi. (In Regensburg werden seine Stücke mit großem Erfolg aufgeführt.)

Mit an Arroganz grenzender Hartnäckigkeit haben Sie die Mitwirkung an verschiedenen Projekten abgelehnt, z.B. an dem Theatermarkt auf dem Weindorf. Ich gebe Ihnen daher eine Mitschuld daran, dass der Theatermarkt eingestellt werden musste. Die Chance, Werbung für das Theater zu machen und seine Popularität zu steigern, wurde vertan.

Nachfrage nach einem Kostenfaktor: Bei den Einrichtungsgegenständen sind Möbel aus dem Jahr 1982 in Höhe von nahezu 29.000 Euro aufgeführt! (S. 9 des Jahresberichts).

2. Städtische Musikschule:

Gratulation zu den schönen Erfolgen bei Musikwettbewerben. Aber: Warum Rückgang bei der Teilnehmerzahl von „Jugend musiziert“?

Die Gesamtschülerzahl ist um ca. 500 gestiegen, besonders im Bereich der Grundstufe gab es Zuwachs! Wie kommt es dazu?

Sponsoring: Wie werden Sponsoren gewonnen? Bestehen Möglichkeiten, weitere Sponsoren zu finden?

Schulkooperationen: Wie kommen sie zustande? Warum machen die aufgeführten Schulen mit, andere nicht? Bei den Gymnasien vermisse ich das EHKG.

3. Stadtbibliothek:

Die Bibliothekskonzeption ist durchdacht und trägt allen Nutzern Rechnung. Man kann sie voll unterstützen.

Bei der räumlichen Neugestaltung der Bibliothek muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Planung auch umgesetzt wird. Da die Bibliothek Aufenthalts-, Lern- und Begegnungsort ist, muss beachtet werden bei der neuen räumlichen Gestaltung: Eine „akustische Abtrennung von Bereichen für unterschiedliche Bedürfnisse und Zielgruppen“ ist dringend erforderlich, es muss „Zonen der Stille einerseits und der Kommunikation und Begegnung andererseits“ geben.

Zum Veranstaltungsprogramm: Die Vorhaben sind so allgemein gehalten, dass die Gefahr besteht, dass man lediglich mit schönen Worten ein Gesamtbild zeichnet, das dann in der Realität gar nicht umgesetzt wird. Warum gibt es keine konkreten Vorschläge?

Beispiele aus den Bereichen „Förderung Lesen und Schreiben“ (bei Jugendlichen) und „Pflege einer lokalen Literaturszene“:

Projekte, die es in anderen Städten längst gibt, fehlen in Heilbronn:

– Lesefahrt im Stadtbus / in der Stadtbahn,

– Einsatz des Hoffenheim-Buses (für Schüler und Jugendliche besonders attraktiv),

– es müsste ein AK Kreatives Schreiben mit Lesungen und Veröffentlichungen geben,

– der Schreibwettbewerb mit Käthchen-Geschichten liegt viele Jahre zurück, Nachfolge-Formate gab es nicht,

– dass die Verleihung des Stiftungs-gebundenen Erna-Jauer-Herholz-Preises mit fadenscheiniger Begründung gestrichen wurde, war ein Fehler,

– es müsste Schreibwerkstätten in Zusammenarbeit mit den Schulen geben (solche werden sogar vom Land gefördert): Veranstaltungen in der Stadtbibliothek würden junge Menschen zum Schreiben animieren,

– die Stadtbibliothek müsste regionale Literaten vorstellen,

– in diesem Bereich ist die Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus künftig notwendig,

– mit einem Heilbronn-Lese-Buch müssten die Literaten aus der Stadt und der Region vorgestellt werden (auf die Stadt bezogene Geschichten und Gedichte),

– Ludwig Pfau: 2021 Gedenken an seinen 200. Geburtstag (Ehrenbürger der Stadt HN!) Es muss unbedingt eine attraktive Veranstaltung auf den Weg gebracht werden. Die anderen Städte in der Region pflegen ihr literarisches Erbe besser: In Weinsberg: Justinus Kerner, in Lauffen: Friedrich Hölderlin! Denkmal Hölderlin im Kreisverkehr von Peter Lenk!

– Projekt „Erzähl mir deine Geschichte“: Migranten kommen zu Wort. Warum werden solche Formate nicht in der Stadtbibliothek (bzw. künftig im Literaturhaus) verortet?

– Am 4. Dez. d.J. jährt sich der Bombenangriff zum 75. Mal. Zu dem schrecklichen Ereignis liegt das Buchprojekt „Heimatfront“ vor; es wurde von meiner Frau Christel Banghard-Jöst zusammen mit Lilo Klug realisiert und ist unter dem Titel „Surviving the Fire“ in den USA erschienen. Es ist ein Versäumnis der Stadtbibliothek und des Kulturamtes, den 75. Jahrestag der Bombardierung nicht für eine nicht zu nachhaltige Gedenkveranstaltung zu nutzen.

Fazit: Es gibt viele Versäumnisse. Angesagte Vorhaben dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse bleiben, sondern müssen auch (besser) umgesetzt werden. In Zukunft müssen die Literaten aus der Region aufgewertet werden, und es muss Projekte geben, die Jugendliche zum Lesen und Schreiben animieren.


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